Ein Bitcoin-Miner, der jahrelang in der FTX-Insolvenz feststeckte, wird zum KI-Rechenzentrum. Der neue Mehrheitseigner SWI Group hat dafür am Montag 800 Mio. Euro (894 Mio. USD) bei institutionellen Investoren eingesammelt. Das Geld soll vor allem in Standorte in den USA und in Schweden fließen, an denen bisher Bitcoin geschürft wurde.
Die Vorgeschichte führt zu Sam Bankman-Fried. Über seine Handelsfirma Alameda Research steckte der FTX-Gründer ab 2021 mehr als 1 Mrd. USD in den Miner Genesis Digital Assets. Die Insolvenzverwalter von FTX hielten das später für eine seiner leichtsinnigsten Investitionen. Jetzt landet das Geschäft im KI-Boom, so wie bei immer mehr Bitcoin-Minern.
Was SWI mit den 800 Mio. Euro vorhat
SWI ist an der Euronext in Amsterdam notiert, rechtlich in Singapur angesiedelt und betreibt Rechenzentren für künstliche Intelligenz in den USA und Europa. Bei einer Kapitalerhöhung gibt eine Firma neue Aktien aus und bekommt dafür frisches Geld. Wer schon Aktien hält und keine neuen kauft, besitzt danach einen etwas kleineren Teil des Unternehmens. SWI gab die neuen Aktien zu einem Preis aus, der das Unternehmen mit 6,1 Mrd. Euro bewertet. Die Aktie schloss am Montag an der Euronext rund 16 % höher.
Mit dem Geld will SWI seine Rechenzentren aufrüsten und erweitern, vor allem in Texas, North Carolina, South Carolina und Schweden. Dort soll künftig Rechenleistung für große Cloud-Anbieter laufen, sogenannte Hyperscaler wie Amazons AWS oder Google Cloud. Firmenchef und Mitgründer Max-Hervé George begründet den Schritt knapp: SWI brauche Kapital, um mehr Rechenleistung in Betrieb zu nehmen. Am Bitcoin-Mining habe er keinerlei Interesse.
Aus Kasachstan zieht sich SWI zurück. Dort stehen noch drei kleine Mining-Standorte von Genesis. Nach Angaben von George werden sie verkauft.
Von Bankman-Frieds Wette zur Übernahme durch SWI
Genesis Digital Assets wurde 2017 von deutschen und kasachischen Unternehmern gegründet und wuchs zu einem der größten Bitcoin-Miner der Welt. Mit dem Einstieg ab 2021 sicherte sich Alameda Research rund 20 % der Anteile.
Im November 2022 brach FTX zusammen und ging in die Insolvenz. Wie es dazu kam, zeigt unser Überblick über die großen Fälle des Kryptobetrugs. Bankman-Fried verbüßt heute eine Haftstrafe von 25 Jahren. Aufgabe der Insolvenzverwalter ist es, für die Gläubiger so viel Geld wie möglich zurückzuholen. Im vergangenen Jahr verklagten sie Genesis auf Rückzahlung von 1,15 Mrd. USD. Die Anlagen in Kasachstan bezeichneten sie dabei als praktisch wertlos.
Am 15. Juni zogen die FTX-Verwalter die Klage zurück. Am selben Tag kündigte SWI an, für 500 Mio. USD rund 38 % an Genesis zu übernehmen, vor allem Vorzugsaktien. Solche Aktien werden bei einem Verkauf oder einer Auflösung des Unternehmens vor den übrigen Anteilen bedient. Zugleich vereinbarte SWI, weitere Anteile bis zur Mehrheit zu kaufen. Im August meldete SWI den Abschluss und eine kontrollierende Beteiligung von mehr als 70 %, Genesis firmiert inzwischen als SWI Digital. Nach Angaben von George sind alle Rechtsstreitigkeiten mit FTX und anderen Aktionären beigelegt. Was die Einigung im Einzelnen umfasst, geht aus den bisherigen Angaben nicht hervor.
Warum Bitcoin-Miner auf KI umsteigen
Ein Bitcoin-Miner betreibt Hallen voller Spezialrechner. Sie lösen rund um die Uhr Rechenaufgaben, um neue Blöcke an die Blockchain anzuhängen, und der Betreiber bekommt dafür neue Bitcoin und Gebühren. Wie Mining genau funktioniert, erklärt unser Beitrag zu Mining und Staking. Für das Geschäft braucht es viel günstigen Strom, einen starken Netzanschluss und Kühlung.
Dasselbe brauchen Rechenzentren für KI. Wer einen Mining-Standort besitzt, hat also schon Gelände, Gebäude und Stromanschluss. Die Mining-Geräte selbst helfen dabei nicht. Sie beherrschen nur die eine Rechenart, die Bitcoin verlangt. Für KI braucht es andere Chips und teure Server. Dafür sammelt SWI das frische Kapital ein.
Genesis ist kein Einzelfall. Bitcoin-Miner haben inzwischen Verträge über mehr als 70 Mrd. USD für KI und Hochleistungsrechnen unterschrieben, also für Aufgaben, die sehr viel Rechenkraft auf einmal brauchen. Auch US-Miner wie TeraWulf und Core Scientific gehen diesen Weg.
Mit dem Umbau ändert sich, wovon das Geschäft lebt. Beim Mining hängen die Einnahmen am Bitcoin-Kurs und daran, wie viele andere Miner gleichzeitig um neue Blöcke rechnen. Ein KI-Rechenzentrum verdient an der Rechenleistung, die Kunden ihm abnehmen. Für SWI rückt damit die Nachfrage nach KI-Rechenleistung in den Mittelpunkt, der Bitcoin-Kurs tritt in den Hintergrund.
Was der Fall für Anleger zeigt
Wir haben die beiden Kaufpreise nebeneinandergelegt. Alameda zahlte 2021 mehr als 1 Mrd. USD für rund 20 % an Genesis. SWI zahlte im Juni 500 Mio. USD für rund 38 %, also die Hälfte des Geldes für fast doppelt so viel Anteil. Je Prozent des Kapitals war das nur rund ein Viertel von Alamedas Preis. Als Bewertung des ganzen Unternehmens taugt die Rechnung aber nicht: SWI kaufte vor allem Vorzugsaktien, die bei einem Verkauf zuerst bedient werden, und Zeitpunkte und Vertragsdetails der beiden Käufe unterscheiden sich.
Für die SWI-Aktie zählt jetzt die Umsetzung, und vieles davon ist erst angekündigt. Hyperscaler wie AWS und Google Cloud sind die Zielgruppe. Verträge mit ihnen oder anderen Kunden für die umgerüsteten Standorte nennen die bisherigen Angaben nicht. Der Verkauf der Anlagen in Kasachstan steht noch aus. Und dass alle Streitigkeiten mit FTX beigelegt sind, sagt der Firmenchef selbst. Unabhängig bestätigt ist das bisher nicht.
Häufige Fragen zu SWI und dem früheren FTX-Miner
Bekommen FTX-Gläubiger etwas von den 800 Mio. Euro?
Nicht direkt. Bei einer Kapitalerhöhung fließt das Geld an das Unternehmen, das die neuen Aktien ausgibt, hier also an SWI. SWI steckt es in den Ausbau der Rechenzentren. Ob die Insolvenzverwalter von FTX bei der Einigung im Juni Geld erhalten haben oder noch Anteile an Genesis halten, geht aus den bisherigen Angaben nicht hervor.
Kann man die SWI-Aktie kaufen?
SWI ist an der Euronext Amsterdam notiert, das Börsenkürzel lautet SWICH. Handelbar ist die Aktie über Banken und Broker, die Zugang zum Handelsplatz Amsterdam bieten. Ob die Pläne für die KI-Rechenzentren aufgehen, ist offen. Eine Kaufempfehlung ist das nicht.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Der Handel mit Finanzinstrumenten ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.
Hinweis: Das Titelbild dieses Beitrags wurde mit Künstlicher Intelligenz erstellt.


