Wenn heute über Strategy (ehemals: MicroStrategy) gesprochen wird, denkt fast jeder sofort an Bitcoin. Doch bevor das Unternehmen zur weltweit bekanntesten BTC-Treasury wurde, war MicroStrategy jahrzehntelang ein reiner Softwareanbieter – mit einer ganz eigenen Geschichte voller Aufstieg, Rückschläge und Neuanfang. Um zu verstehen, warum Michael Saylor 2020 den radikalen Schritt ins Bitcoin-Abenteuer wagte, lohnt sich ein Blick zurück in die Zeit vor der ganzen Blockchain-Buzzword-Ära.
Gründung und Pionierzeit von MicroStrategy (1989–1999)
Die Ursprünge von MicroStrategy liegen nicht im Silicon Valley, sondern in Wilmington, einer Stadt im US-Bundesstaat Delaware. 1989 gründeten Michael J. Saylor, Sanju Bansal und Thomas Spahr das Unternehmen, nachdem sie sich am bekannten Massachusetts Institute of Technology kennengelernt hatten. Der erste große Auftrag kam vom Chemiekonzern DuPont – inklusive 250.000 US-Dollar Startkapital und Büroräumen.

Quelle: M. Saylor Instagram
1990er typisch lag der Fokus halt auf Business-Intelligence-Software: Tools, mit denen Unternehmen riesige Datenmengen analysieren und daraus eben Entscheidungen ableiten konnten. In den 1990ern wuchs MicroStrategy rasant. Großkunden wie McDonald’s sorgten für Millionenverträge, und die Produkte setzten Maßstäbe bei Themen wie Data Warehousing und OLAP-Analysen. 1998 folgte dann der Börsengang an der Nasdaq, begleitet von einer fast schon typischen Dotcom-Euphorie.
Die Gründer gingen später unterschiedliche Wege: Sanju Bansal verließ 2013 den Vorstand und gründete seinen eigene Tech- und Medizintechnikfirmen. Thomas Spahr war schon in den frühen 1990ern nicht mehr operativ aktiv und tauchte danach öffentlich kaum noch im Zusammenhang mit MicroStrategy auf.
Boom, Crash und Wiederaufbau (2000–2010)
Zum Jahrtausendwechsel schien MicroStrategy unaufhaltsam – der Aktienkurs war in den Dotcom-Jahren regelrecht explodiert und das Unternehmen kurzzeitig mit über 40 Milliarden US-Dollar bewertet.

Doch im März 2000 kam der tiefe Fall: Die SEC ermittelte wegen fehlerhafter Umsatzrealisierung. MicroStrategy musste die Geschäftszahlen der Jahre 1998 und 1999 rückwirkend korrigieren – was dazu führte, dass eigentlich gemeldete Gewinne plötzlich zu Verlusten wurden.
Konkret hatte das Unternehmen rund 66 Millionen US-Dollar Umsatz zu früh verbucht – das entsprach damals stolzen 15 bis 20% des offiziell gemeldeten Gesamtumsatzes dieser Jahre. Anders gesagtz: Fast jeder fünfte Dollar Umsatz, den die Firma damals in ihre Quartals- und Jahresberichte schrieb, war halt eigentlich noch gar nicht verdient. Für Investoren sah es so aus, als ob MicroStrategy deutlich schneller wuchs und profitabler war, als es tatsächlich der Fall war.
Der Markt reagierte brutal: Die Aktie stürzte an einem einzigen Tag um mehr als 60 % ab und das Platzen der DotCom-Blase tat ihr übriges, so verlor man innerhalb weniger Wochen über 90 % ihres Wertes. Die US-Börsenaufsicht SEC erhob Klage, Michael Saylor, Sanju Bansal und der damalige Finanzchef stellten sich einem Vergleich. Saylor zahlte persönlich 8,3 Millionen US-Dollar an Strafen und Rückzahlungen, das Unternehmen selbst insgesamt rund 11 Millionen US-Dollar – was für damalige Verhältnisse eine empfindliche Summe war.
Trotz des Debakels blieb Saylor CEO, während viele andere Firmenchefs in ähnlichen Fällen gehen mussten. In dieser Zeit entstanden auch Nebenprojekte wie Alarm.com, ein Smart-Home-Pionier, der später für 27,7 Millionen Dollar verkauft wurde. Der Fokus auf das Kerngeschäft half dem Unternehmen, die Krise irgendwie zu überstehen. Ab 2009 brachte MicroStrategy neue Software-Generationen wie MicroStrategy 9 auf den Markt und stabilisierte sich operativ wieder.
Die Cloud-Zeitalter (2011–2019)
Ab 2011 drängten Cloud-Anbieter und Self-Service-BI-Tools wie Tableau oder Microsoft Power BI, was wohl der bekannteste Vertreter für Datenvisualisierung ist, auf den Markt. MicroStrategy reagierte mit einer eigenen Cloud-Plattform und mobilen Lösungen, musste dennoch 2014 rund 1% der Belegschaft gefeuert werden.
Trotz neuer Produktreihen stagnierte der Umsatz halt bei rund 500 Millionen Dollar jährlich. Die Margen schrumpften, und Investoren fragten sich zunehmend, wie MicroStrategy im Wettbewerb mit Big Tech langfristig bestehen wollte.
Der Wendepunkt – vom Bitcoin-Kritiker zum Bitcoin-Pionier

Quelle: Twitterpost Saylor
Was viele heute fast vergessen: Saylor war lange kein Bitcoin-Fan. 2013 twitterte er sogar, dass die Tage von Bitcoin gezählt seien, und verglich es mit Online-Glücksspielen. Diese Skepsis hielt sich, bis er sich ab 2019 intensiver mit Geldpolitik, der Knappheit von Bitcoin und der Inflationsentwicklung beschäftigte – und dann ja irgendwann zu einem ganz anderen Schluss kam.
Bis 2020 war MicroStrategy ein etabliertes, aber eben nicht wachsendes Softwarehaus. Die globalen Märkte litten unter Null- und Negativzinsen, Bargeld brachte keine Rendite mehr. Saylor begann öffentlich zu warnen, dass die Kaufkraft von Unternehmensreserven durch Inflation schleichend aufgefressen würde.
Nach interner Analyse und Gesprächen mit Investoren beschloss MicroStrategy, seine Treasury-Reserven komplett umzuschichten. Am 11. August 2020 kaufte das Unternehmen für 250 Millionen US-Dollar erstmals 21.454 BTC – ein Schritt, der aus einem klassischen Softwareanbieter die Blaupause für institutionelle Krypto-Investments machte und wohl den Weg bereitet für eine der größten Bitcoin-only Banken der Welt.

Der Rest ist Geschichte: Aus MicroStrategy wurde 2025 Strategy, und aus einem stagnierenden Nischenplayer die wohl bekannteste börsennotierte Krypto-Ikone der Welt. Doch die Basis dafür wurde lange vor Bitcoin gelegt – mit technischer Kompetenz, Krisenerfahrung und einem CEO, der halt bereit war, seine eigene Meinung radikal zu ändern, wenn die Fakten es erforderten.


