Ledger hat ein Hardwareimplantat in einem Gerät eines betroffenen CryptoBilis-Kunden bestätigt. Der südostasiatische Wiederverkäufer hat seinen gesamten Hardware-Wallet-Verkauf vorerst gestoppt. Für Käufer ist damit eine neue Frage wichtig: Kann ein Gerät seine Schlüssel schützen und trotzdem Informationen an Angreifer weitergeben?
Technische Untersuchungen manipulierter Geräte zeigen einen möglichen Weg über den Bildschirm. Noch ist allerdings nicht belegt, dass genau dieser Mechanismus sämtliche gemeldeten Verluste erklärt. Wir ordnen ein, was der Hersteller bestätigt hat, wie solche Manipulationen funktionieren können und welche Hinweise für CryptoBilis-Käufer gelten.
Ein Implantat ist bestätigt, das Ausmaß bleibt offen
Am 9. Oktober warnte Ledger vor möglichen Problemen mit Geräten des Händlers CryptoBilis. Das Unternehmen ist als offizieller Wiederverkäufer unter anderem in Malaysia, Indonesien und auf den Philippinen gelistet. Kunden hatten von verlorenen Kryptobeständen berichtet.
Einen Tag später wurde die Untersuchung konkreter. Ledger bestätigte in seinem Update ein nicht autorisiertes Hardwareimplantat in einem Gerät eines betroffenen Nutzers. CryptoBilis habe den Verkauf sämtlicher Hardware-Wallets bis zum Abschluss der Untersuchung eingestellt. Ledger arbeitet nach eigenen Angaben mit Behörden und dem Sicherheitsteam SEAL 911 zusammen.
Der Befund betrifft ein untersuchtes Gerät. Ledger nennt weder die Gesamtzahl manipulierter Wallets noch die genaue Funktion des gefundenen Implantats. Auch eine bestätigte Schadenssumme fehlt. Die Verkaufspause des gesamten Bestands bedeutet deshalb nicht, dass Geräte aller dort angebotenen Hersteller nachweislich betroffen sind.
Wie zusätzliche Hardware die Wiederherstellungswörter abfangen kann
Eine Hardware-Wallet schützt private Schlüssel, also den Zugang zu den verwalteten Kryptowährungen. Sie hält diese auf einem gesonderten Gerät. Bei einer Überweisung bestätigt der Nutzer die Transaktion am Gerät, während die Schlüssel dort bleiben. Die Grundlagen der verschiedenen Gerätearten erklären wir in unserem Beitrag über Hot Wallets und Cold Storage.
Bei der Einrichtung zeigt eine Wallet außerdem Wiederherstellungswörter an. Diese sogenannte Seed Phrase ermöglicht es, den Zugang später auf einem anderen Gerät wiederherzustellen. Genau diese notwendige Anzeige kann zum Angriffspunkt werden.
Sicherheitsforscher von Tibane Labs untersuchten zwei manipulierte Ledger Nano X. Zusätzliche Elektronik soll dort die Signale zwischen Wallet und Display mitgelesen haben. Diese Verbindung heißt SPI. Vereinfacht überträgt sie die Informationen, die anschließend auf dem Bildschirm erscheinen.
Ein Implantat kann die Signale auswerten und daraus die angezeigten Wörter rekonstruieren. Die untersuchte Zusatzhardware verfügte über Mobilfunktechnik, mit der sich die Informationen an Angreifer übertragen lassen. Dafür muss der besonders geschützte Sicherheitschip, das sogenannte Secure Element, nicht unmittelbar ausgelesen werden.
Das erklärt, weshalb korrektes Verhalten am Computer einen solchen Angriff nicht automatisch verhindert. Ein Nutzer könnte die Wörter ausschließlich vom Gerät ablesen und auf Papier notieren. Wenn die Anzeige bereits innerhalb des manipulierten Geräts mitgelesen wird, ist der Inhalt trotzdem offengelegt.
Was diese Untersuchung über CryptoBilis noch nicht beweist
Die zwei von Tibane Labs untersuchten Geräte wurden nicht direkt bei CryptoBilis gekauft. Eines wurde aus Malaysia verschickt. Daraus ergibt sich noch keine eindeutige Verbindung zum Händler.
Auch Ledger beschreibt in seinem neueren Statement weder einen SPI-Abgriff noch eine Übertragung per Mobilfunk. Das bestätigte Implantat beim Kunden und die technische Untersuchung anderer Geräte dürfen deshalb nicht zu einer vollständig aufgeklärten Angriffskette zusammengesetzt werden.
Für die weitere Untersuchung ist entscheidend, wo Geräte verändert wurden und welche Verkäufe sich ihnen zuordnen lassen. Ein Angriff innerhalb der Lieferkette würde bedeuten, dass jemand Hardware vor der Nutzung durch den Käufer manipuliert hat. An welcher Stelle das im konkreten Fall geschah, ist bislang nicht abschließend belegt.
Warum mehr als 86 Mio. USD noch keine bestätigte Schadenssumme sind
Der Blockchain-Analyst Specter schätzte die mutmaßlichen Verluste auf mehr als 86 Mio. USD. Er untersuchte verdächtige Geldbewegungen über Bitcoin, Ethereum und Tron. Ein anderer Analyst, tanuki42, hatte zuvor mehr als 72 Mio. USD an verdächtigen Adressen ermittelt.
Beide Schätzungen sind unbestätigt. Es ist zudem unklar, ob sie dieselben Transaktionen erfassen. Die Beträge dürfen deshalb nicht addiert werden. Specter nahm außerdem seine erste Angabe von Hunderten betroffenen Wallets zurück. Die tatsächliche Zahl der Opferwallets blieb offen.
Verdächtige Transaktionen können Ermittlern helfen, Geldflüsse zu verfolgen. Für einen bestätigten Gesamtschaden muss aber zusätzlich geklärt werden, welche Abflüsse tatsächlich Diebstähle waren und zum untersuchten Vorfall gehören.
Welche Hinweise für Käufer gelten
Ledger empfiehlt Käufern eines Geräts bei CryptoBilis, eine noch nicht begonnene Einrichtung vorerst zu unterlassen. Wer seine Wallet bereits eingerichtet hat, soll einen Transfer auf einen neuen Ledger mit neu erzeugtem Seed erwägen. Das Samstagsupdate enthält keine Beschränkung auf Käufe der letzten 90 Tage mehr, die noch in der ersten Warnung stand.
Der neue Seed ist dabei entscheidend. Wer die bisherigen Wiederherstellungswörter auf einem Ersatzgerät verwendet, stellt denselben Zugang wieder her. Sollte ein Angreifer diese Wörter kennen, beseitigt ein bloßer Gerätetausch das Problem nicht. Den Zusammenhang zwischen Wiederherstellungswörtern und privaten Schlüsseln erklären wir ausführlich in unserem Grundlagenartikel.
Ledger sieht nach eigener Aussage keine Hinweise auf kompromittierte eigene Sicherheitsinfrastruktur, Systeme oder Dienste. Das ist der aktuelle Stand des Herstellers, keine abgeschlossene Untersuchung aller Geräte. Eine pauschale Entwarnung für alle anderen Käufer lässt sich daraus ebenso wenig ableiten wie ein allgemeiner Einbruch in sämtliche Ledger-Wallets.
Zusätzlich warnt das Unternehmen vor Betrügern, die den Vorfall für angebliche Hilfe ausnutzen könnten. Ledger fordert die 24 Wiederherstellungswörter niemals an. Fragen sollen über die offiziellen Supportkanäle laufen. Gerade bei einem möglichen Geräteproblem wäre die Weitergabe dieser Wörter an vermeintliche Helfer ein zweiter Weg, den Zugang zu verlieren.
Häufige Fragen
Hat Ledger eine Entschädigung zugesagt?
Das geprüfte Herstellerstatement vom 10. Oktober enthält keine Zusage zur Erstattung verlorener Gelder. Es beschreibt die Untersuchung und Vorsichtsmaßnahmen für Käufer.
Steht fest, wer die Geräte manipuliert hat?
Die ausgewählten Quellen belegen keine Täteridentität. Auch der erwähnte Eigentümerwechsel bei CryptoBilis beweist keine Beteiligung der neuen Eigentümer.
Gibt es bereits einen neuen Schutz gegen Hardwareimplantate?
Ledger arbeitet nach eigener Aussage an zusätzlichen Maßnahmen gegen Hardwaremanipulation. Das Statement nennt weder einen Fertigstellungstermin noch eine bereits verfügbare Lösung für den untersuchten Angriff.
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.
Hinweis: Das Titelbild dieses Beitrags wurde mit Künstlicher Intelligenz erstellt.


