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140 Tech-Giganten: Bauen den nächsten großen Stablecoin

Ein Konsortium aus über 140 Firmen launcht mit Open USD einen Stablecoin, der die Reserve-Erträge unter den Partnern teilt statt sie einem Emittenten wie Tether zu überlassen. Die Aktie von Circle brach daraufhin zweistellig ein.
Geschrieben von
Stefan Lanser
Veröffentlicht
Juli 1, 2026

Manchmal reicht eine einzige Ankündigung, um eine ganze Branche durcheinanderzuwirbeln. Am 30. Juni 2026 haben sich mehr als 140 Firmen, darunter Visa, Mastercard, Stripe, BlackRock und Coinbase, zu einem Konsortium namens Open Standard zusammengeschlossen. Ihr gemeinsames Projekt heißt Open USD, kurz OUSD, ein neuer Stablecoin. Was ihn von USDT oder USDC unterscheidet: Die Erträge aus den Reserven fließen nicht an einen einzelnen Anbieter, sondern werden unter den Partnern aufgeteilt. Die Börse reagierte sofort, die Aktie von Circle, dem Unternehmen hinter USDC, brach am selben Tag zweistellig ein.

Was ist passiert

Open Standard, geführt von Gründungs-CEO Zach Abrams, hat OUSD nach eigenen Angaben auf drei Prinzipien aufgebaut.

  • Erstens: Firmen können den Coin ohne Gebühren und ohne Obergrenze ausgeben und wieder einlösen.
  • Zweitens: Fast alle Erträge aus den hinterlegten Reserven, abzüglich einer kleinen Verwaltungsgebühr, fließen an die Partnerfirmen zurück statt an einen einzelnen Emittenten.
  • Drittens: Über OUSD entscheidet ein Board aus den Partnerunternehmen selbst, nicht eine einzelne Firma.

Die Partnerliste liest sich wie ein Ausschnitt aus der gesamten Finanzwelt. Neben Zahlungsnetzwerken wie Visa, Mastercard und American Express stehen Banken wie BNY, Standard Chartered und die BBVA dahinter, dazu Tech-Konzerne wie Google und Shopify sowie Krypto-Firmen wie Coinbase und Ripple. Eine deutsche Firma taucht in der offiziellen Partnerliste nicht auf, die Deutsche Bank ist allerdings als Design-Partner an Tempo beteiligt, der Bezahl-Blockchain von Stripe, dazu gleich mehr.

Für Circle war der Tag ein Schock. Die Aktie fiel von rund 76 auf etwa 63 US-Dollar, ein Minus von ungefähr 16 bis 17 Prozent zum Handelsschluss, nachdem schon ein früherer Bloomberg-Bericht am Morgen für erste Kursverluste gesorgt hatte.

Besonders bitter für Circle: BlackRock verwaltet einen Großteil der eigenen USDC-Reserven, und Coinbase ist über eine Vereinbarung von 2023 an den Zinserträgen von USDC beteiligt, hält also selbst eine Art Wette auf Circles Erfolg. Beide sind trotzdem bei OUSD mit dabei.

Wer den größten Reibach machen kann, zählt am Ende offenbar mehr als alte Partnerschaften.

Der Stripe-Faktor und die eigene Blockchain “Tempo”

Wer genauer hinschaut, erkennt hinter dem Konsortium eine einzelne Firma mit besonders viel Einfluss: Stripe.

Open-Standard-Chef Zach Abrams hat vorher Bridge mitgegründet, eine Stablecoin-Infrastrukturfirma, die Stripe 2024 übernommen hat.

Zusätzlich betreibt Stripe zusammen mit dem Krypto-Investor Paradigm die eigene Blockchain Tempo, die ebenfalls unter den OUSD-Partnern steht.

Tempo-Chef Matt Huang hat erklärt, seine Blockchain werde OUSD von Anfang an nativ ausgeben.

Offiziell bestätigt hat das bisher allerdings die Blockchain Solana über den eigenen Account. Welche Chains zum Start wirklich alle dabei sind, ist damit noch nicht restlos geklärt, mehrere sollen es aber von Beginn an sein.

Stipe-Vorteil: Wie Stripe doppelt verdienen könnte

Für Stripe steckt darin ein ganz handfester Vorteil, und der lässt sich sogar beziffern. Über das eigene Zahlungsnetzwerk liefen 2025 rund 1,9 Billionen Dollar, umgerechnet etwa 1,6 Prozent der gesamten Weltwirtschaftsleistung.

Von diesen 1,9 Billionen Dollar behält Stripe heute aber nur einen kleinen Teil selbst. Läuft eine Zahlung klassisch über Kreditkarte, zahlt der Händler dafür insgesamt knapp 2,9 Prozent Gebühr. Der größte Teil davon geht aber gleich wieder weiter: als Interchange an die kartenausgebende Bank und als Netzwerkgebühr an Visa oder Mastercard. Bei Stripe selbst bleiben von diesen 2,9 Prozent am Ende nur etwa 0,3 bis 0,4 Prozent hängen.

Läuft dieselbe Zahlung stattdessen über Stripes eigene Blockchain Tempo und einen eigenen Stablecoin wie OUSD, sieht die Rechnung anders aus. Dann verlangt Stripe eine Pauschalgebühr von 1,5 Prozent, muss davon aber keine Interchange an eine fremde Bank mehr abgeben.

Wichtig, um das nicht misszuverstehen: Es geht nicht um 1,5 Prozent zusätzlich zu den bisherigen 0,3 bis 0,4 Prozent. Es geht darum, dass auf denselben Dollar aus 0,3 bis 0,4 Prozent Nettoanteil bis zu 1,5 Prozent werden könnten, wenn die Zahlung über die eigene Infrastruktur statt über fremde Kartennetze läuft. Die eigenen Kosten für Verwahrung und Umtausch gehen davon zwar noch ab, trotzdem bleibt eine deutliche Lücke zwischen beiden Wegen.

Was das in absoluten Zahlen bedeuten könnte, zeigt eine einfache Beispielrechnung. Würden allein 10 Prozent des gesamten Stripe-Zahlungsvolumens von 2025, also rund 190 Milliarden Dollar, künftig über das eigene System statt über Kartennetzwerke wie Visa oder Mastercard laufen, entspräche das bei 1,5 Prozent Gebühr brutto rund 2,8 Milliarden Dollar.

Zum Vergleich: Von denselben 190 Milliarden Dollar hätte Stripe über den klassischen Kartenweg nur rund 650 Millionen Dollar netto behalten.

Genau diese Lücke erklärt, warum Stripe hier so viel Energie reinsteckt. Wer die Chain und den Stablecoin selbst besitzt, verdient an jedem umgeleiteten Dollar mehrfach: an der Gebühr selbst und zusätzlich an den Reserve-Zinsen, die als OUSD-Partner obendrauf kommen.

Dieser essentielle Fakt zeigt auch, warum Visa und Mastercard beim Open Standard (also beim Open USD Stablecoin) selbst mitmachen wollen.

Würden sie versuchen, weiterhin ihre Monopolstellung zu halten, würden sie auf lange Sicht selbst aus dem Markt gedrängt werden.

Warum Circle und nicht Tether

Auffällig ist, wen die Sache eigentlich trifft. Tether, mit rund 145 Milliarden US-Dollar der größte Stablecoin-Anbieter, taucht in den Kursreaktionen kaum auf. Der Grund liegt im Kundenkreis.

Circle hat sich auf regulierte, institutionelle Kunden in den USA und Europa spezialisiert, also genau die Firmenkunden, die OUSD jetzt anspricht.

Tether dagegen ist groß geworden im klassischen Krypto-Handel und in Schwellenländern, wo viele Menschen keinen einfachen Zugang zu einem Bankkonto haben. Ein Bankenkonsortium aus den USA und Europa hat es dort deutlich schwerer, Fuß zu fassen.

Was jetzt zählt

OUSD soll nach Angaben von Open Standard noch dieses Jahr live gehen. Bis dahin bleiben zwei Fragen spannend.

  • Erstens, wie viele der 140 Partner den Coin tatsächlich in ihren eigenen Produkten einsetzen, denn Ankündigen und Einsetzen sind zwei verschiedene Dinge.
  • Zweitens, wie das börsennotierte Circle auf die zunehmende Konkurrenz im institutionellen Stablecoin-Umfeld reagiert.

Circle Firmenchef Jeremy Allaire hat die Konkurrenz öffentlich heruntergespielt und angekündigt, weiter in das eigene USDC-Netzwerk zu investieren.

Auch in Europa tut sich etwas: Ein Konsortium aus 37 Banken, darunter die ING, die UniCredit sowie die deutschen VR-Banken, arbeitet unter dem Namen Qivalis an einem eigenen Euro-Stablecoin, der noch in diesem Jahr an den Start gehen soll.

Wie Stablecoins überhaupt Geld verdienen und warum das ausgerechnet klassische Banken nervös macht, erklären wir ausführlich in unserer Analyse zum Stablecoin-Geschäftsmodell.


Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.

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