Kaum eine Ecke der Finanzwelt wächst gerade so schnell wie die der Prognosemärkte. Plattformen wie Kalshi und Polymarket sind in kurzer Zeit Milliarden wert geworden, und plötzlich wollen alle mitmischen, von der Wall Street bis zu den großen Tech-Konzernen. Hier erfährst du in Ruhe, was ein Prognosemarkt überhaupt ist, wer ihn anführt und warum das Thema gerade so heiß ist.
Was ein Prognosemarkt ist
Ein Prognosemarkt ist im Kern ein Marktplatz, auf dem man auf den Ausgang realer Ereignisse handelt.

Wird die Notenbank die Zinsen senken? Wer gewinnt eine Wahl? Steht Bitcoin zum Jahresende über einer bestimmten Marke? Auf solche Fragen kaufst du Ja- oder Nein-Anteile, deren Preis sich wie ein Kurs bewegt und am Ende die geschätzte Wahrscheinlichkeit widerspiegelt.
Die zwei dominierenden Namen sind Kalshi und Polymarket. Kalshi ist der in den USA staatlich regulierte Anbieter, beaufsichtigt von der Terminmarkt-Behörde CFTC, und erlaubt unter anderem Einzahlungen in Krypto. Polymarket dagegen läuft komplett auf der Blockchain und wickelt alles in Kryptowährung ab.
Wie eine Wette konkret funktioniert
Am besten versteht man es an einem Beispiel. Nehmen wir die Frage: Gewinnt Team A sein Spiel? Im Moment stehen die Chancen 50 zu 50.
Auf einem Prognosemarkt kaufst du dann einen Anteil, eine Art Wettschein. Der Preis dieses Anteils entspricht genau der Wahrscheinlichkeit. Bei 50 Prozent kostet ein Ja-Anteil also 50 Cent. Tritt das Ereignis ein, zahlt dir dieser Anteil 1 Dollar aus. Aus 50 Cent wird 1 Dollar, dein Einsatz verdoppelt sich. Liegst du falsch, ist der Anteil nichts mehr wert und dein Einsatz ist weg.
Der eigentliche Clou: Der Preis bewegt sich live mit der Wahrscheinlichkeit, genau wie ein Aktienkurs. Führt Team A plötzlich, steigt die Wahrscheinlichkeit vielleicht auf 80 Prozent, und dein 50-Cent-Anteil ist auf einmal 80 Cent wert. Du musst gar nicht bis zum Schlusspfiff warten, sondern kannst sofort verkaufen und die 30 Cent Gewinn mitnehmen.
Gehandelt wird dabei wie an der Börse. Mit einer Market-Order kaufst oder verkaufst du sofort zum aktuellen Preis, mit einer Limit-Order nur zu deinem Wunschpreis. Am Ende, wenn das Ergebnis feststeht (im Fachjargon Resolution), wird abgerechnet: Wer auf der richtigen Seite lag, bekommt pro Anteil 1 Dollar, die andere Seite geht leer aus.
Wer den Markt anführt
Das Tempo ist atemberaubend. Kalshi war im Oktober 2025 noch 5 Milliarden Dollar wert, im Mai 2026 schon 22 Milliarden, und aktuell verhandelt das Unternehmen über eine Bewertung von rund 40 Milliarden Dollar. Mehr dazu in unserer News: Kalshi peilt 40 Milliarden an.
Auch beim Handelsvolumen liegt Kalshi vorn, zuletzt rund 21 Milliarden Dollar im Monat gegenüber etwa 10 Milliarden bei Polymarket. Das ist ein Marktanteil von gut zwei Dritteln. Polymarket wurde zuletzt mit rund 15 Milliarden Dollar bewertet. Zwei Platzhirsche also, die sich ein enges Rennen liefern, während immer mehr Wettbewerber dazustoßen.

Wie alles begann
Ganz neu ist die Idee nicht, aber die heutigen Schwergewichte sind jung. Kalshi wurde 2018 von Tarek Mansour und Luana Lopes Lara gegründet, zwei Absolventen der Elite-Uni MIT. 2020 bekam Kalshi als erste Plattform grünes Licht der US-Aufsicht CFTC und startete 2021 offiziell.
Polymarket ging ebenfalls 2020 an den Start, gegründet vom NYU-Studienabbrecher Shayne Coplan, von Anfang an auf der Blockchain. 2022 kassierte Polymarket allerdings eine Strafe der CFTC und musste sich aus dem US-Geschäft zurückziehen. Erst Ende 2025 bekam die Firma grünes Licht für ein US-Comeback.
Der eigentliche Durchbruch für die ganze Branche kam mit der US-Wahl 2024. Damals lagen die Prognosemärkte näher an den späteren Ergebnissen als viele klassische Umfragen. Seitdem kennt das Wachstum kaum eine Pause.
Zahlen, Daten, Fakten
Ein paar Eckdaten ordnen den Boom ein:
- Handelsvolumen im Juni 2026: Kalshi rund 21 Milliarden Dollar, Polymarket samt US-Ableger rund 10 Milliarden. Marktanteil Kalshi also gut zwei Drittel.
- Gesamtvolumen beider Plattformen: von unter 5 Milliarden Dollar im Monat (September 2025) auf rund 30 Milliarden (Juni 2026).
- Bewertungen: Kalshi 5 Milliarden (Oktober 2025), 22 Milliarden (Mai 2026), aktuell rund 40 Milliarden angepeilt. Polymarket zuletzt rund 15 Milliarden.
- Offene Wetten bei Kalshi (Open Interest): erstmals über 1,1 Milliarden Dollar, ein Plus von rund 350 Prozent seit Jahresbeginn.
- Fußball-WM: Polymarkets Fußball-Volumen plus 300 Prozent, über 2 Milliarden Dollar in nur zehn Tagen.

Warum plötzlich alle mitmischen wollen
Die Liste der Neueinsteiger liest sich wie das Who’s who der Finanzwelt. Die Optionsbörse CBOE, Erfinderin des Angst-Index VIX, hat eigene Prognose-Produkte gestartet. Meta, der Facebook-Konzern, baut an einer eigenen App namens Arena. Krypto-Börsen wie Coinbase und Gemini haben ebenfalls Prognosemärkte gestartet, und Kraken hat sich an der Sport-Wett-App Onyx Odds beteiligt. Selbst klassische Sportwetten-Riesen wie DraftKings und FanDuel bekommen Konkurrenz.
Bleibt die Frage: Wettbüros gibt es seit Jahrhunderten, und an der Börse wird ohnehin längst spekuliert. Warum also jetzt der große Hype?
Der wichtigste Grund ist rechtlich. In den USA waren Wetten auf Ereignisse, vor allem auf Wahlen, lange verboten oder in der Grauzone. Der alte Vorreiter Intrade wurde von den Behörden dichtgemacht. Erst ein Gerichtsurteil zugunsten von Kalshi im Jahr 2024 hat Wetten auf politische Ereignisse erlaubt, und 2025 ließ die Aufsicht ihren Widerstand fallen. Damit war die Tür offen.
Dazu kam der Beweis in der Praxis. Bei der US-Wahl 2024 lagen die Prognosemärkte am Ende näher dran als viele klassische Umfragen, das brachte enorme Aufmerksamkeit. Und die Technik tut ihr Übriges: Apps, sofortige Abwicklung und der Trend zu sehr kurzfristigen Wetten passen perfekt in die Zeit. Im Kern ist die Idee also uralt. Neu ist nur, dass sie jetzt erlaubt, bewiesen und überall verfügbar ist.
Der Turbo gerade: die Fußball-WM
Einen kräftigen Schub bringt aktuell die Fußball-Weltmeisterschaft. Auf Polymarket schoss das Volumen in der Kategorie Fußball in den ersten zehn Tagen des Turniers um rund 300 Prozent nach oben, auf über 2 Milliarden Dollar. Der Grund ist simpel: Jedes Spiel ist eine eigene kurze Wette, die nach 90 Minuten entschieden ist, und davon gibt es einen Monat lang täglich mehrere.
Auch bei Kalshi knallt es. Die Summe der offenen Wetten, im Fachjargon Open Interest, knackte erstmals die Marke von 1,1 Milliarden Dollar. Interessant dabei: Bei Kalshi wachsen die offenen Positionen schneller als das reine Handelsvolumen. Das deutet auf Nutzer hin, die ihre Wetten länger halten, also eher große, gezielte Positionen als schnelles Hin und Her. Genau diese Sorte Anleger, vor allem zahlungskräftige US-Investoren, zieht Kalshi mit seiner regulierten, dollarbasierten Plattform an.
Der Krypto-Bezug
Für die Krypto-Welt ist das Thema aus zwei Gründen interessant. Erstens sind Prognosemärkte eng mit dem Sektor verbunden: Polymarket ist komplett auf Blockchain-Technik gebaut, und auch Kalshi nimmt Krypto-Einzahlungen an. Zweitens zeigt der Geldregen, dass Anleger hier einen der nächsten großen Wachstumsmärkte wittern, ähnlich wie zuletzt bei den tokenisierten Werten. Wer profitieren will, kann allerdings nicht direkt einsteigen, denn die führenden Firmen sind noch privat und nicht an der Börse.
Der Kampf um die Regulierung
So heiß der Markt ist, so umkämpft ist er rechtlich. In den USA tobt ein Streit darüber, wer überhaupt zuständig ist. Im Kern geht es um eine Grundsatzfrage: Sind solche Wetten Glücksspiel, das die einzelnen Bundesstaaten regeln dürfen, oder sind es Finanzprodukte, die allein der Bund über die Behörde CFTC beaufsichtigt? Die CFTC beansprucht die alleinige Aufsicht über Prognosemärkte. Viele Bundesstaaten sehen das anders und wollen vor allem Sportwetten nach ihren eigenen Glücksspielgesetzen behandeln.
Mittendrin steckt Kalshi. Das Unternehmen hat gerade den Staat Illinois verklagt, der ab dem 1. Juli eine eigene Lizenzpflicht und eine Abgabe von 0,2 Prozent auf bestimmte digitale Transaktionen einführt. Die CFTC wiederum hat ihrerseits schon neun Bundesstaaten verklagt. Wie dieser Streit ausgeht, entscheidet mit darüber, wie groß der Markt am Ende werden darf.
Vorsicht: Wette bleibt Wette
Bei allem Hype gehört die andere Seite klar dazu. Für dich als Nutzer ist so ein Prognosemarkt am Ende sehr nah an einer Sportwette, also an Tipico und Co. Und damit kommen dieselben Gefahren: aggressive Werbung, der Reiz des schnellen Geldes und ein echtes Risiko der Spielsucht.
Besonders heikel ist das Versprechen, das oft mitschwingt: dass man mit genug Wissen die Zukunft vorhersagen könne. So einfach ist das nicht. Die Zukunft bleibt unsicher, der Kurs spiegelt ohnehin schon die geballte Einschätzung aller anderen wider, und unterm Strich verlieren die meisten Wettenden über die Zeit. Verdient wird vor allem an der Plattform, egal wie das Ereignis ausgeht. Wissen hilft, ja, aber es macht aus einer Wette keine sichere Sache.
Wenn du es ausprobierst, dann nur mit Geld, dessen Verlust du verschmerzen kannst, und mit klaren Grenzen. Wer merkt, dass das Wetten zum Problem wird, findet anonyme und kostenlose Hilfe bei der staatlichen Spielsucht-Beratung unter 0800 137 27 00 oder auf check-dein-spiel.de.
Das Insider-Problem
Es gibt noch eine zweite unangenehme Schattenseite, über die wenig geredet wird: Insiderhandel. Weil hier auf reale Ereignisse gewettet wird, kann jemand mit Vorwissen kräftig absahnen.
Die Beispiele aus 2026 sind teils heftig. Kurz bevor US-Truppen den venezolanischen Machthaber Nicolás Maduro festsetzten, wettete ein frisch erstelltes Konto 32.000 Dollar auf genau diesen Sturz und kassierte über 430.000 Dollar. In Israel wurden zwei Personen angeklagt, weil sie mit geheimen Militärinformationen auf den exakten Termin von Angriffen auf den Iran gewettet haben sollen, mehrere Konten gewannen dabei zusammen rund 1 Million Dollar. Rund um die Iran-Eskalation stuften Analysten sogar Wetten im Wert von etwa 45 Millionen Dollar als auffällig ein. Und ein Google-Mitarbeiter wurde angeklagt, weil er mit Insiderwissen rund 1,2 Millionen Dollar darauf gewonnen haben soll, wer 2025 die meistgesuchte Person bei Google wird.
Polymarket hat im März 2026 seine Regeln verschärft und Insiderhandel ausdrücklich verboten, mit Strafen bis zur Konto-Sperre. Fairerweise gehört dazu: Nicht jeder große Gewinn ist gleich Betrug, manchmal ist es einfach eine gut getimte Wette. Aber die Häufung rund um Kriegs- und Geopolitik-Themen zeigt, dass das Problem real ist.
Was das für dich bedeutet
Prognosemärkte sind dabei, vom Nischenthema zum eigenen Anlage- und Wett-Sektor zu werden, irgendwo zwischen Trading, Sportwette und News. Für dich heißt das vor allem: hinschauen lohnt sich, mit kühlem Kopf. Direkt investieren kann man in Kalshi oder Polymarket noch nicht, ein Börsengang von Kalshi ist aber im Gespräch, frühestens für 2027. Und über allem schwebt die Frage der Regulierung, die noch lange nicht geklärt ist.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.

