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RL1: Deutsche Blockchain soll zum europäischen Standard in der Bankenwelt werden

10 europäische Finanzhäuser haben mit RL1 eine eigene Blockchain für tokenisierte Wertpapiere gestartet, organisiert als Genossenschaft. Wir ordnen ein, was RL1 wirklich macht, warum sogar die EZB vor der Zersplitterung warnt, die das Projekt eigentlich lösen soll, und wo das größte Risiko für neue Netzwerke wie dieses liegt.
Geschrieben von
Stefan Lanser
Veröffentlicht
Juli 30, 2026

Zehn europäische Finanzhäuser haben sich zusammengetan und ihre eigene Blockchain gebaut, organisiert als Genossenschaft. Am 28. Juli 2026 ging Regulated Layer One, kurz RL1, live: ein gemeinsames Netzwerk für tokenisierte Wertpapiere, getragen unter anderem von der DekaBank, der DZ Bank, der LBBW, der niederländischen ABN Amro und der französischen Natixis. Sitz ist Luxemburg, Rechtsform eine Europäische Genossenschaft, wie man sie sonst eher von Winzern oder Wohnungsbaugenossenschaften kennt.

Was RL1 eigentlich macht

RL1 ist weder ein Stablecoin noch der digitale Euro. Auf dem Netzwerk sollen stattdessen Anleihen, Fondsanteile und Sicherheiten als Eintrag in einem gemeinsamen, fälschungssicheren Register entstehen und in einem einzigen Schritt gegen Geld den Besitzer wechseln, statt wie bisher tagelang über Makler, Verwahrer und Abwickler zu laufen, die alle mitverdienen.

Die Technik dahinter stammt vom Frankfurter Fintech SWIAT, 2022 gegründet. Die neue Genossenschaft hat dessen fertiges Netzwerk komplett übernommen. Laut SWIAT wickelte die Plattform in drei Jahren Produktivbetrieb über 50 Transaktionen im Wert von mehr als 700 Millionen Euro ab, für ein System mit dem Anspruch “institutionell” ist das eher Testphase als Durchbruch. Geführt wird RL1 künftig von Henning Vollbehr, zuvor Chef von SWIAT.

Anders als bei Bitcoin darf hier nicht jeder mitmachen. Zugang bekommen nur zugelassene Institute, die sich vorher ausweisen. Jedes Mitglied hat aber dieselben Stimmrechte, kein einzelnes Haus kann die gemeinsame Infrastruktur allein steuern.

Der 15. Standard: Europas liebstes Problem

An dieser Stelle lohnt ein Schmunzeln, wenn auch ein etwas müdes. Europa hat schon geografisch einen Flickenteppich aus 27 Staaten. Bei Zahlungsnetzwerken ist es nicht anders: Fast jedes Land pflegt eigene Standards und Kartensysteme, von V-Pay über Maestro bis zu nationalen Girocard-Varianten. Wer diese Landschaft vereinheitlichen will, hat eine ehrliche Chance, aber auch ein bekanntes Muster vor Augen. Der Treppenwitz der europäischen Finanzinfrastruktur lautet ungefähr so: Der Kontinent hat, 14 Standards für Geldtransaktionen. Baut man ein System, das sie alle vereinen soll, hat man am Ende den 15. Standard geschaffen.

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Sorge nicht. Seit 2021 haben europäische Emittenten gerade einmal knapp 4 Milliarden Euro an Anleihen über Blockchains ausgegeben, eine verschwindend kleine Summe für einen Markt dieser Größe. Als Hauptgrund nennt die EZB selbst, dass die einzelnen Netzwerke unverbunden nebeneinander herlaufen. Genau das soll RL1 lösen. Ob daraus wirklich ein gemeinsamer Standard wird oder nur ein weiterer Flicken im Teppich, hängt davon ab, wie viele weitere Institute und Netzwerke sich anschließen.

Die EZB warnt vor genau diesem Risiko

Die Sorge vor der Zersplitterung teilt sogar EZB-Chefin Christine Lagarde, nur zieht sie daraus einen anderen Schluss. Auf einer EZB-Konferenz in Frankfurt warnte sie im Frühjahr 2026, tokenisierte Finanzmärkte könnten ohne ein gemeinsames Fundament aus echtem Zentralbankgeld in isolierte „private Inseln” zerfallen, die nie die Größenordnung und Effizienz erreichen, die die Blockchain-Technik eigentlich verspricht.

Ihr Rezept dagegen setzt, wie könnte es auch anders sein, auf einen zentralen Anker statt auf viele private Netzwerke: Über das Programm Pontes will die EZB noch in diesem Quartal private DLT-Plattformen an TARGET anschließen, das System, über das Europas Banken untereinander abrechnen. Damit könnten tokenisierte Wertpapiere künftig direkt gegen echtes Zentralbankgeld den Besitzer wechseln.

Lagarde ist dabei ohnehin keine Freundin von Stablecoin-Ansätzen, ganz gleich ob sie von Krypto-Firmen oder von Banken kommen. Das bekommt aktuell auch das Bankenkonsortium Qivalis zu spüren, das an einem eigenen Euro-Stablecoin arbeitet und in der EZB-Chefin eine hartnäckige Kritikerin hat. Ihre eigene Antwort heißt stattdessen digitaler Euro, also echtes Zentralbankgeld direkt fürs Handy. RL1 selbst ist kein Stablecoin, es bleibt reine Marktinfrastruktur für Wertpapiere. Trotzdem zeigt der Streit die grundsätzliche Frage dahinter: Setzt Europas tokenisierte Zukunft auf viele private Bausteine, die sich im besten Fall zusammenfügen, oder auf eine zentrale Schiene der Notenbank?

Das eigentliche Risiko sitzt an den Schnittstellen

Ein zweiter Gedanke, der sich auch auf den Kryptomarkt insgesamt übertragen lässt. Die eigentliche Schwachstelle sitzt selten im Netzwerk selbst, sie sitzt an den Brücken dazwischen. Wer Guthaben von einer Blockchain auf eine andere überträgt, braucht fast immer einen Mittelsmann, der die Werte auf der einen Seite sperrt und auf der anderen Seite neu ausgibt. Genau an dieser Schnittstelle setzen die größten Hacks der Kryptogeschichte an: Die Ronin-Bridge des Spiels Axie Infinity verlor 2022 rund 625 Millionen Dollar, die Wormhole-Brücke im selben Jahr rund 325 Millionen Dollar.

Damit das Netzwerk RL1 seinen Zweck erfüllt, muss es sich mit anderen Systemen verbinden: mit der Notenbank-Schiene über Pontes, langfristig vielleicht mit dem digitalen Euro, und mit weiteren nationalen oder privaten DLT-Netzwerken, die in Europa unterwegs sind. Jede dieser Verbindungen ist eine neue Schnittstelle. Und jede Schnittstelle ist ein neuer Punkt, an dem wieder ein Dritter ins Spiel kommt, der eigentlich überflüssig sein sollte.


Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.

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