Das Gegenparteirisiko ist die Gefahr, dass die andere Seite eines Geschäfts ihre Zusage nicht erfüllt. Sie liefert nicht, zahlt nicht oder gibt hinterlegtes Geld nicht heraus. Im Englischen heißt das Counterparty Risk, im Bankwesen auch Kontrahentenrisiko.
Es entsteht, wenn Leistung und Gegenleistung zeitlich auseinanderliegen. Wer zuerst zahlt oder Geld bei jemandem liegen lässt, hält danach nur noch eine Forderung. Die ist so viel wert wie die Kasse und die Zuverlässigkeit dessen, der sie erfüllen soll.
Wo das Gegenparteirisiko steckt
Bei Anleihen ist der Herausgeber die Gegenpartei, der Emittent. Geht er pleite, fallen Zinsen und Rückzahlung ganz oder teilweise aus. Das heißt auch Emittentenrisiko, bei Zertifikaten genauso.
Im Trading sitzt die Gegenpartei oft beim Anbieter selbst. Ein CFD, also ein Vertrag auf steigende oder fallende Kurse ohne Kauf des Wertpapiers, läuft direkt zwischen dir und deinem Broker. Der zahlt deinen Gewinn aus. An großen regulierten Börsen schiebt sich dagegen eine zentrale Gegenpartei zwischen Käufer und Verkäufer, das Clearinghaus. Es verlangt von allen Seiten Sicherheiten und springt ein, wenn ein Teilnehmer ausfällt.
Wer Coins auf einer Börse liegen lässt, hält eine Forderung gegen die Plattform. Kunden kamen nach dem Zusammenbruch der Börse FTX 2022 jahrelang nicht an ihre Guthaben. Auch hinter einem Stablecoin steht eine Gegenpartei: der Herausgeber, der die Reserven hält und die Coins zurücktauschen soll.
Ein Beispiel: Orlen und das Öl aus Venezuela
Wie teuer das Gegenparteirisiko werden kann, zeigt Orlen. Die Handelstochter des polnischen Ölkonzerns bestellte Ende 2023 bei einem Zwischenhändler Öl aus Venezuela. Sie überwies binnen fünf Tagen rund 230 Mio. USD im Voraus, zwei Drittel des Kaufpreises. Das Gegenmodell im Handel über Grenzen ist das Akkreditiv: Die Bank des Käufers zahlt erst, wenn der Verkäufer Papiere über die verladene Ware vorlegt.
Nach eigener Darstellung tauschte der Zwischenhändler das Geld in Dubai in den Stablecoin Tether und übergab in Caracas Vermittlern USB-Sticks mit Zugriff auf die Coins. Geliefert wurde am Ende eine halbe Ladung Heizöl. Eine Gegenpartei hing an der nächsten, einen Vertrag hatte die Orlen-Tochter nur mit der ersten. Die ganze Kette zeigt unser Artikel zum Orlen-Fall.
Häufiges Missverständnis
Viele halten das Gegenparteirisiko für ein Bankenproblem, das mit Krypto verschwindet. Daran ist etwas Wahres. Bitcoin sollte Mittelsmänner und Vertrauen überflüssig machen, und für die Überweisung selbst gelingt das.
Ob die Gegenseite danach liefert, ist eine andere Frage. Wie verbindlich ein Geschäft ist, regeln Vertrag, Sicherheiten und im Streit ein Gericht. Coin oder Token sind dabei bloß das Tauschmedium, so wie Euro oder Goldbarren. Wer einem Zwischenhändler Geld vorausschickt, holt das zurück, was Krypto überflüssig machen sollte: den Mittelsmann und das Vertrauen. Ist das Geld weg, bleibt nur der Anspruch gegen den Empfänger.
