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Tether statt Bank: Wie Orlen 230 Millionen Dollar für Öl aus Venezuela verlor

Orlens Handelstochter zahlte 230 Mio. USD Vorkasse für Öl aus Venezuela. Der Zwischenhändler tauschte das Geld in Tether und gab es auf USB-Sticks an Vermittler, zurück kam eine halbe Ladung Heizöl. Warum das Zahlungsmittel keinen Vertrag ersetzt.
Geschrieben von
Stefan Lanser
Veröffentlicht
September 19, 2026
Orlen-Zentrale, Tanker, Flaggen Polens und Venezuelas, Tether-Münze und USB-Stick. Bildtitel: Wie Polens Ölfirma Orlen versuchte, mit Tether Öl aus Venezuela zu kaufen, und dabei 230 Millionen verlor

Die Schweizer Handelstochter des polnischen Staatskonzerns Orlen hat Ende 2023 rund 230 Mio. USD Vorkasse für Öl aus Venezuela gezahlt. Ihr Zwischenhändler tauschte das Geld in Tether, einen an den US-Dollar gekoppelten Stablecoin. Große Teile davon gingen auf USB-Sticks an Vermittler in Caracas, zurück kam eine halbe Ladung Heizöl. Der Fall, den die Financial Times rekonstruiert hat, zeigt, was von einer schnellen Zahlung ohne Bank übrig bleibt, wenn niemand die Gegenseite absichert.

Was beim Öldeal von Orlen passiert ist

Öl aus Venezuela war 2023 billig, aber schwer zu kaufen. US-Sanktionen hatten seit 2019 viele Käufer vertrieben und die üblichen Zahlungswege über Banken verstopft. Der Staatskonzern PDVSA verlangte laut FT zunehmend Vorkasse in Tether, und daran änderte auch die Lockerung der Sanktionen im Oktober 2023 zunächst nichts.

Ende November 2023 bat der damalige Chef von Orlens Handelstochter OTS auf einer Bootsparty in Abu Dhabi einen 25-jährigen Händler aus Dubai, ihm Öl aus Venezuela zu besorgen. Dessen Firma war zweieinhalb Jahre alt und hatte drei feste Mitarbeiter. Wenige Tage später stand der Vertrag: rund 6 Mio. Barrel schweres Rohöl für 345 Mio. USD, zwei Drittel im Voraus. Nach fünf Tagen waren 230 Mio. USD überwiesen.

Liefertermin war der 19. Dezember. Drei gecharterte Supertanker lagen wochenlang leer vor dem Ölterminal José. Am 8. März 2024 lud ein Schiff aus einem späteren Zusatzvertrag rund 500.000 Barrel Heizöl für 28,8 Mio. USD, die Hälfte der vereinbarten Menge. Mehr kam nicht. Am 28. März kündigte OTS unter neuer Führung den Vertrag. Die polnische Regierung schätzt den Schaden auf mindestens 1,6 Mrd. Zloty, rund 424 Mio. USD, Fracht und Rechtskosten eingerechnet.

Der Weg des Geldes: von Dollar über Tether zum USB-Stick

Für die Zahlung in Venezuela brauchte der Zwischenhändler Tether und tauschte dafür nach eigener Darstellung bei drei Firmen in Dubai. Die erste lieferte 80 Mio. USDT gegen rund 400.000 USD Provision. Die zweite bekam 135 Mio. USD und gab nur 85 Mio. USDT heraus, um die fehlenden 50 Mio. wird in Dubai vor Gericht gestritten. Von 30 Mio. USD an die dritte kamen Wochen später rund 21 Mio. USDT zurück.

Im Januar 2024 reiste der Händler mit einem Mitarbeiter selbst nach Caracas. Vermittler, die Zugang zu PDVSA versprachen, gab es dort viele. Der Mitarbeiter übergab einem von ihnen in einem Hotel und in einem Feinkostladen USB-Sticks mit Zugriff auf zusammen 110 Mio. USDT. Ein zweiter Vermittler bekam bei zwei Treffen 22 Mio. USDT. Danach riss laut Zwischenhändler der Kontakt zu beiden ab. Weitere 54 Mio. USDT seien für Tauschgebühren und andere Versuche draufgegangen, an Öl zu kommen.

Wessen Darstellung das ist
Die Beträge auf dem Weg über Dubai und Caracas stammen vom Zwischenhändler selbst, Unterlagen zu den Kryptogeschäften hat er nach eigener Aussage nicht. Die Tauschfirma bestreitet die Lücke von 50 Mio. USD. Frühere Manager der Orlen-Tochter sind in Warschau wegen Misswirtschaft angeklagt, sie weisen die Vorwürfe zurück, verhandelt ist nichts. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Tether ohne Bank, Geschäft voller Mittelsmänner

Ein USDT wandert über öffentliche Blockchains von Wallet zu Wallet, rund um die Uhr und ohne Bank dazwischen. Wie Anbieter mit Stablecoins Geld verdienen, zeigt unsere Analyse zum Stablecoin-Geschäft.

Krypto sollte, angefangen bei Bitcoin, Geld digital bewegen, ohne Mittelsmänner und ohne dass eine Seite der anderen vertrauen muss. Beim Öldeal von Orlen wurden genau diese beiden Punkte missachtet. Zwischen dem Geld und dem Öl standen ein Zwischenhändler, drei Tauschfirmen und zwei Vermittler. Jeder in der Kette musste dem nächsten glauben, dass er liefert.

Keine Bank prüfte die Empfänger oder hielt eine auffällige Zahlung an, und zurückbuchen kann der Absender eine Zahlung in USDT nicht. Über das Guthaben verfügt, wer den privaten Schlüssel kennt, also die geheime Zeichenfolge, die den Zugriff auf die Wallet ermöglicht. In Caracas lag dieser Schlüssel auf einem USB-Stick. Wer den Stick einsteckte, hatte die Millionen.

Vorkasse ohne Sicherheiten: Was ein Akkreditiv anders macht

Gegen das Risiko, zu zahlen und nichts zu bekommen, gibt es im Handel über Grenzen das Akkreditiv. Die Bank des Käufers sagt zu, den Verkäufer zu bezahlen, sobald er Papiere über die verladene Ware vorlegt. Die Zahlung hängt damit an der Leistung. Bei Orlen floss das Geld vorab, ohne Bedingung und ohne Empfangsbestätigung.

Dieser Weg führt über Banken, und den hatten die Sanktionen weitgehend versperrt. Übrig blieb das Gegenparteirisiko, also die Gefahr, dass die andere Seite nicht liefert. Einen Vertrag hatte OTS nur mit dem Zwischenhändler, und darin kamen Kryptowährung und weitere Mittelsmänner nicht vor.

Im Schiedsverfahren sieht sich der Zwischenhändler als Durchreiche, die auf Rechnung von OTS mit Tether einkaufte. Orlen hält dagegen, geschuldet sei allein die Lieferung gewesen.

Was der Fall für Anleger und Trader bedeutet

Wer zuerst zahlt, trägt das Risiko der Gegenseite, bei 230 Millionen genauso wie bei 230 Euro. Zurück geht es danach nur über einen Anspruch gegen den Empfänger, und der ist so viel wert wie dessen Kasse. Orlen streitet seit über zwei Jahren.

Auch eine Börse, auf der Coins liegen, ist eine Gegenpartei. Wer seine Coins selbst in einer Wallet verwahrt, nimmt sie aus der Rechnung, muss den Schlüssel dann aber selbst sichern.

Kurz erklärt

Gegenparteirisiko. Die Gefahr, dass der Vertragspartner nicht liefert oder nicht zahlt, nachdem man selbst schon geleistet hat.

Akkreditiv. Die Zusage einer Bank, den Verkäufer erst zu bezahlen, wenn er Papiere über die verladene Ware vorlegt.

Was jetzt zählt

  1. Das Schiedsverfahren. Orlen fordert die 230 Mio. USD vom Zwischenhändler zurück, der erklärt, das Geld nicht zu haben.
  2. Die Anklage in Warschau. Frühere Manager von OTS bestreiten die Vorwürfe. Zudem wird ermittelt, ob frühere Konzernmanager den Geldtopf von 600 Mio. USD für den Handel zu lax beaufsichtigt haben.
  3. Das Verfahren in Dubai um die 50 Mio. USD, die beim Tausch in Tether fehlen sollen.

Termine nennt die FT für keines der drei Verfahren.

Unsere Einordnung: Der Stablecoin hat bei Orlen getan, was ein Zahlungsmittel kann. Er hat Geld bewegt, schnell und ohne Bank. Das Versprechen von Krypto, ohne Mittelsmänner und ohne Vertrauen auszukommen, reicht nur so weit wie die Zahlung selbst. Auch wenn Käufe über Krypto laufen, bleiben es Verhandlungen, Entscheidungen und Verträge zwischen Menschen. Wer eine Firma gegen Bitcoin, Tether oder Goldbarren übernimmt, braucht trotzdem Notar und Handelsregistereintrag, oder was im Einzelfall sonst nötig ist. Wer kauft, braucht einen Kaufvertrag, der bindet. Geld, Coin oder Token sind nur das Tauschmittel und sagen nichts darüber, wie verbindlich ein Geschäft ist. Das Zahlungsmittel ersetzt weder Vertrag noch Sicherheiten noch Prüfung.

Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.

Häufige Fragen zum Orlen-Fall und zu Tether

Wie viel Geld hat Orlen mit dem Öldeal in Venezuela verloren?

Vorab gezahlt hat die Handelstochter OTS 230 Mio. USD, zurück kam Heizöl im Wert von 28,8 Mio. USD. Dazu kommen Frachtkosten, die nach interner Rechnung von OTS über alle Verträge mit dem Zwischenhändler bei 72 Mio. USD lagen. Das ist mehr als die 25 bis 30 Mio. USD Gewinn, die sich OTS laut dem Umfeld des früheren Chefs erhofft hatte. Die polnische Regierung schätzt den gesamten Schaden auf mindestens 1,6 Mrd. Zloty, rund 424 Mio. USD. Auf eine Rückzahlung setzte OTS schon früh wenig: Eine interne Notiz bezifferte sie im Frühjahr 2024 auf etwa 10 % der Summe, mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 %.

Wusste Orlen, dass das Geld in Tether fließen sollte?

Darüber gehen die Darstellungen auseinander. Der Zwischenhändler sagt, er habe den damaligen OTS-Chef darauf hingewiesen, dass PDVSA trotz gelockerter Sanktionen USDT verlange. Aus dem Umfeld des früheren OTS-Chefs heißt es, wie der Händler bezahle, sei dessen Sache gewesen. Im Vertrag kommen Kryptowährung und Vermittler nicht vor. Orlen äußert sich unter Verweis auf Vertraulichkeit nicht zum Vertrag.

Ist Tether durch den Orlen-Fall unsicher geworden?

Aus dem Fall lässt sich das nicht ableiten, die FT beschreibt keinen Wertverlust des Coins. Das Geld verschwand laut Zwischenhändler bei Tauschfirmen, die für die Dollar zu wenig USDT herausgaben, und bei Vermittlern, die nach der Übergabe nicht mehr erreichbar waren. Ob ein Stablecoin seine Bindung an den Dollar hält, ist eine andere Frage als die, ob die Gegenseite eines Geschäfts liefert.

Hätte der Zwischenhändler das Öl mit mehr Zeit liefern können?

Das ist einer der Streitpunkte. Der Zwischenhändler und das Umfeld des früheren OTS-Chefs verweisen auf die halbe Ladung Heizöl, sie zeige, dass es Zugang zu PDVSA gab. Orlen hält dagegen, der Händler habe vier Monate Zeit gehabt, jede vereinbarte Frist verpasst und das Geschäft vor dem Ende der Sanktionslockerung nicht mehr abschließen können. Am 15. April 2024, nach der Kündigung, lud ein früher von Orlen gecharterter Tanker in José schweres Rohöl für einen anderen Käufer. Zwei Tage später verlängerte Washington die Frist für Ölgeschäfte mit Venezuela um 45 Tage.

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