Am 12. Oktober 2009 verkaufte der finnische Entwickler Martti Malmi 5.050 Bitcoin (BTC) für 5,02 US-Dollar. Es ist der erste bekannte Bitcoin-Handel gegen eine staatliche Währung. Der Käufer trat unter dem Namen NewLibertyStandard auf und hatte eine Woche zuvor den ersten Bitcoin-Kurs veröffentlicht. Bezahlt wurde nach späteren Berichten über den Onlinedienst PayPal.
Fünf Dollar und zwei Cent. Damit hatte Bitcoin zum ersten Mal einen Preis, zu dem Geld den Besitzer wechselte.
Bitcoin im Herbst 2009: eine Software ohne Markt
Am 8. Januar 2009 kündigte Satoshi Nakamoto die erste Version von Bitcoin an. Wer das Programm laufen ließ, konnte neue Coins erzeugen. Beim Mining lösen Rechner Rechenaufgaben, und wer zuerst fertig ist, hängt den nächsten Block an die Blockchain, das öffentliche Kassenbuch aller Überweisungen. Als Lohn gibt es neue Bitcoin.
Einen Preis hatten diese Coins nicht. Es gab keine Börse und keinen bekannten Ankäufer.
Martti Malmi war früh dabei: ab Mai 2009 im E-Mail-Austausch mit Satoshi, als Mitentwickler der Software und als Betreuer der Projekt-Website. Im Juli 2009 skizzierte Malmi einen automatischen Umtauschdienst, der Bitcoin gegen Euro tauscht und die Zahlungen über PayPal abwickelt. Umgesetzt wurde die Idee in jenem Jahr nicht.
Der erste Bitcoin-Kurs kam aus der Stromrechnung
Am 5. Oktober 2009 stellte NewLibertyStandard einen Wechselkurs auf die eigene Website: 1 US-Dollar gleich 1.309,03 BTC. Ein Bitcoin kostete damit rund 0,08 US-Cent. Die archivierte Kursseite erklärt die Rechnung gleich mit. Ein Computer unter Volllast verbraucht im Jahr 1.331,5 Kilowattstunden Strom. Mal 0,1136 USD, dem Durchschnittspreis je Kilowattstunde für US-Haushalte im Vorjahr, ergibt das 151,26 USD im Jahr oder 12,60 USD im Monat. Diese Monatskosten, geteilt durch die Zahl der Bitcoin, die der eigene Rechner in den letzten 30 Tagen erzeugt hatte, sind die Stromkosten je Coin. Ein Dollar geteilt durch diesen Wert ergibt den Kurs, also wie viele Coins ein Dollar Strom erzeugt.
Rechnet man den ersten Kurs zurück, hatte der Rechner von NewLibertyStandard in diesen 30 Tagen rund 16.500 BTC erzeugt. Das entspricht 330 Blöcken zu je 50 BTC.
Der Kurs bildete also ab, was ein Bitcoin in der Herstellung kostete. Ob jemand diesen Preis zahlen würde, war offen. Weil die Formel am Ertrag eines einzigen Rechners hing, sprang der Wert von Tag zu Tag. Am 12. Oktober lag er bei 907,40 BTC je Dollar. Ein Bitcoin war binnen einer Woche um 44 % teurer geworden.
Satoshi gefiel der Ansatz. Am 16. Oktober schrieb Satoshi an Malmi: „I like his approach to estimating the value based on electricity.” Solche einfachen Erklärungen könnten Bitcoin für viele Menschen zugänglicher machen, so Satoshi weiter.
Vier Tage von Malmis E-Mail bis zum Handel
Am 8. Oktober erzählte Malmi Satoshi von dem neuen Nutzer, der jetzt Bitcoin gegen Dollar handle. Ein Umtauschdienst komme verfrüht, schrieb Malmi, doch das Interesse könne neue Entwickler anziehen. Eine E-Mail an den neuen Händler sei gerade raus.
Am 12. Oktober war der Handel gemacht: 5.050 BTC gegen 5,02 USD. Die Einzelheiten machte Malmi im Januar 2014 bekannt. Malmi hatte sie in alten E-Mails wiedergefunden und schrieb auf Twitter, an diesem Tag genau diese Menge zu diesem Preis verkauft zu haben. Zwei Jahre später nannte Malmi den Grund: NewLibertyStandard sollte Hilfe bekommen, den ersten Bitcoin-Handelsdienst der Welt ans Laufen zu bringen.
Umgerechnet sind das knapp 0,1 US-Cent je Coin oder rund 1.006 BTC je Dollar. Das liegt in der Spanne, die NewLibertyStandard in jener ersten Woche veröffentlichte: zwischen 833 und 1.309 BTC je Dollar.
Den Bitcoin-Teil bestätigt die Blockchain. Malmi verlinkte im Tweet selbst die Transaktion in Block 24.835. Der Block trägt den Zeitstempel 12. Oktober 2009, 6:21 Uhr morgens deutscher Zeit (04:21 Uhr UTC). In Helsinki war es da 7:21 Uhr. Die Dollarzahlung lief außerhalb der Blockchain, nach späteren Berichten über PayPal.
Wie ein Tausch ohne Börse funktioniert
Zwischen den beiden stand keine Börse und kein Treuhänder, also niemand, der das Geld festhält, bis beide Seiten geliefert haben. Einer musste zuerst schicken und darauf vertrauen, dass der andere nachzieht. Bei fünf Dollar ein überschaubares Risiko.
Auf der Blockchain lässt sich nachzählen, woraus die 5.050 BTC bestanden. Eine Bitcoin-Überweisung funktioniert ähnlich wie das Bezahlen mit Scheinen: Die Wallet, also die digitale Geldbörse, legt ältere Beträge zusammen, bis die Summe stimmt. Malmis Überweisung hat 74 solcher Eingänge. 72 davon sind Blockbelohnungen über je 50 BTC, geschürft in Blöcken zwischen April und Oktober 2009. Zwei weitere bringen 650 und 800 BTC. Auf der anderen Seite steht ein einziger Ausgang über 5.050 BTC, eine Gebühr fiel nicht an.
3.600 der 5.050 Coins stammen damit direkt aus Blockbelohnungen, die Malmis Wallet selbst erhalten hatte.
Aus fünf Dollar wird ein Markt
In der Ankündigung von Bitcoin 0.2 am 17. Dezember 2009 dankte Satoshi beiden: Malmi für die Entwicklungsarbeit, NewLibertyStandard für die Hilfe beim Testen der Linux-Version.
Der Handel mit Malmi blieb nicht der einzige. Ende Dezember 2009 bot NewLibertyStandard 1.578,76 BTC für einen Dollar an und hielt dafür 15.100 BTC und 100 USD bereit. Wer kaufen oder verkaufen wollte, schrieb eine E-Mail, als Zahlungsweg galt nur PayPal. Im Januar 2010 berichtete NewLibertyStandard im Bitcoin-Forum von ersten Käufen und Verkäufen: „Supply and demand, albeit only a small amount, already exists”. Angebot und Nachfrage gab es also, wenn auch in kleinem Umfang.
Am 17. März 2010 startete mit Bitcoinmarket.com die erste Kryptobörse.
Und der Bitcoin Pizza Day?
Bekannter als Malmis Verkauf ist der Bitcoin Pizza Day. Am 22. Mai 2010 meldete der Forennutzer laszlo im Bitcoin-Forum: „I just want to report that I successfully traded 10,000 bitcoins for pizza.” Der Nutzer jercos hatte für ihn zwei Pizzen bestellt und dafür 10.000 BTC bekommen. Laut laszlo kosteten die beiden Pizzen zusammen etwa 25 Dollar.
Oft heißt es, Bitcoin habe an diesem Tag seinen ersten Preis bekommen. Das stimmt so nicht. Einen Kurs veröffentlichte NewLibertyStandard schon im Oktober 2009, und seit März 2010 handelte Bitcoinmarket.com. Vier Tage vor dem Pizza-Tausch schrieb ein anderer Nutzer im selben Forenthema, die 10.000 BTC brächten dort gerade 41 Dollar. Das sind 0,41 US-Cent je Coin, gut viermal so viel wie bei Malmis Verkauf sieben Monate zuvor.
Neu am Pizza Day war etwas anderes: Es ist der erste bekannte Kauf einer Ware mit Bitcoin. Malmis Verkauf war ein Tausch von Geld gegen Geld, der Pizza-Tausch ein Einkauf. Unter laszlos Meldung gratulierte übrigens ein Nutzer namens sirius: „Congratulations laszlo, a great milestone reached.” Hinter sirius stand Martti Malmi.
Was vom Handel für 5,02 Dollar bleibt
Zum Tagesschluss am 11. Oktober 2026 kostete ein Bitcoin bei der Börse Coinbase 83.678,29 USD (UTC). Malmis 5.050 BTC wären damit rund 422,6 Millionen USD wert, die 10.000 BTC vom Pizza Day rund 836,8 Millionen USD.
Die Stromformel galt nur für 2009. Danach wollte NewLibertyStandard mit den durchschnittlichen Produktionskosten eines ganzen Jahres rechnen. Aus dem Handel bleibt eine einfache Einsicht: Ein Preis entsteht, wenn sich zwei Menschen einigen. Kosten helfen beim Schätzen, den Kurs machen Käufer und Verkäufer.
Nachprüfen kann das jeder in einem Blockexplorer, einer Website, die Blockchain-Daten lesbar macht. Die Transaktions-ID beginnt mit 7dff9389.
Dieser Beitrag ist ein historischer Rückblick und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Vergangene Kurse sagen nichts über künftige Entwicklungen.
Mehr Kryptogeschichte steht im Historischen Kryptokalender. Davor im Kalender steht der Ethereum Merge vom 15. September 2022, danach der Start von Litecoin am 13. Oktober 2011.
Kurz erklärt
Mining: Das Erzeugen neuer Bitcoin durch Rechenarbeit. Wer als Erster einen gültigen Block findet, erhält die Blockbelohnung. Nur so kommen neue Coins in Umlauf.
Blockbelohnung: Die Menge neuer Bitcoin, die ein Miner für einen gefundenen Block erhält. 2009 waren es 50 BTC. Nach Satoshis Plan halbiert sich der Betrag alle vier Jahre.
Transaktions-ID: Die Kennung einer Bitcoin-Überweisung, 64 Zeichen lang. Im Blockexplorer zeigt sie Beträge, Adressen und Block.
Häufige Fragen zum ersten Bitcoin-Handel
War der Verkauf von Martti Malmi die erste Bitcoin-Transaktion?
Die erste Bitcoin-Überweisung ist neun Monate älter. Sie steht in Block 170 vom 12. Januar 2009: Satoshi Nakamoto schickte 10 BTC an Hal Finney, als Test. Malmis Verkauf ist der erste bekannte Tausch gegen Dollar. Mehr dazu im Beitrag über die erste Bitcoin-Transaktion.
Ist der Bitcoin Pizza Day nicht der erste Bitcoin-Handel?
Nicht ganz. Am 22. Mai 2010 tauschte laszlo 10.000 BTC gegen zwei Pizzen, das gilt als erster bekannter Kauf einer Ware mit Bitcoin. Gegen US-Dollar wurde Bitcoin schon gut sieben Monate früher gehandelt, beim Verkauf von Martti Malmi am 12. Oktober 2009. Einen Kurs gab es da bereits, berechnet aus Stromkosten.
Wer steckte hinter NewLibertyStandard?
Der bürgerliche Name ist bis heute nicht öffentlich bekannt. Belegt ist, dass der Nutzer ab Herbst 2009 mit Satoshi und Malmi E-Mails wechselte und später im Bitcoin-Forum schrieb. Die Kursseite lief auf der Wiki-Plattform Wetpaint.
Woher kommen das Kürzel BTC und das Zeichen ฿?
Beides schlug NewLibertyStandard am 5. Februar 2010 im Bitcoin-Forum vor: das Zeichen des thailändischen Baht als Symbol und BTC als dreibuchstabigen Währungscode. Das Kürzel BTC ist heute an Handelsplätzen üblich.
Was machte Martti Malmi nach dem Verkauf?
Malmi arbeitete weiter an Bitcoin mit und betrieb 2010 den Umtauschdienst bitcoinexchange.com. Nach eigener Aussage lief der Dienst eher wie ein Faucet, also eine Seite, die Coins verschenkt, und am Ende fehlten 30.000 BTC. 2024 veröffentlichte Malmi den E-Mail-Wechsel mit Satoshi, im Zusammenhang mit einem Prozess in Großbritannien, in dem Malmi als Zeuge aussagte.
Hinweis: Das Titelbild dieses Beitrags wurde mit Künstlicher Intelligenz erstellt.


