Morgan Stanley will tokenisierte Aktien, also Aktien als digitale Token auf einer Blockchain, erst ab dem ersten Quartal 2027 in seinem eigenen Handelssystem führen. Damit kommt die US-Großbank als Nachzügler in einen Markt, den Kryptobörsen und Börsenbetreiber längst besetzt haben. Groß und fertig ist dieser Markt allerdings noch nicht.
Für Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz zählt vor allem, was hinter einem Aktien-Token steckt. Manche Token verbriefen die Aktie samt Dividende und Stimmrecht, andere bilden nur ihren Kurs nach. Und nicht jedes Angebot steht Kunden aus Europa offen.
Morgan Stanley verschiebt den Start auf 2027
Amy Oldenburg leitet bei Morgan Stanley die Strategie für digitale Vermögenswerte. Am Rande der Kryptokonferenz Token2049 nannte sie das erste Quartal 2027 als neuen Starttermin. Gehandelt werden sollen die Token auf dem Alternative Trading System (ATS) der Bank, einem Handelsplatz außerhalb der öffentlichen Börsen. Im März hatte Oldenburg noch das zweite Halbjahr 2026 genannt. Es ist eine Erwartung aus einem Interview, keine verbindliche Ankündigung der Bank.
Den Aufschub begründet Oldenburg mit fehlendem Angebot: Es fehle noch das Produkt, also handelbare Aktien-Token, und ohne Produkt gebe es auch keine Nachfrage der Kunden. Dazu kommt die Regulierung. Ob die Bank solche Token handeln darf, hängt nach ihren Worten auch an der US-Notenbank Fed, seit der Clarity Act, ein Gesetzentwurf für Kryptoregeln in den USA, im Senat gestoppt wurde.
An der Richtung zweifelt Oldenburg nicht. Für tokenisierte Vermögenswerte insgesamt hält sie bis 2030 eine Marktgröße von 3 bis 10 Bio. USD für realistisch. Ende Juli waren es nach Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 65 Mrd. USD.
Wer tokenisierte Aktien schon anbietet
Während Morgan Stanley wartet, sind andere längst im Geschäft. Aktien-Token bieten unter anderem die Kryptobörsen Coinbase, Kraken und Binance sowie der US-Broker Robinhood an. Die Kryptobörse Bullish ist seit August dabei. Die US-Börsenaufsicht SEC hat der Nasdaq im März den Handel tokenisierter Wertpapiere erlaubt. Und der Börsenbetreiber ICE, zu dem die New Yorker Börse NYSE gehört, sowie die Kryptobörse OKX haben Anfang Oktober Pläne für einen Handelsplatz rund um die Uhr eingereicht.
Auch die Regeln in den USA werden konkreter. Nach einer Ausnahmeregel der SEC dürfen Handelsplätze auf der Blockchain seit dem 17. September fünf Jahre lang Aktien-Token handeln, ohne als Börse registriert zu sein. Zugelassen sind nur Token, die die Aktie selbst verbriefen, mit Dividende und Stimmrecht. Synthetische Token, die bloß den Kurs nachbilden, sind ausgeschlossen.
Wie unterschiedlich die Wege sind, zeigt Bybit. Die Kryptobörse führt tokenisierte Aktien bereits als eigenes Produkt. Seit Montag können Kunden dort zusätzlich echte US-Aktien und ETFs mit dem Stablecoin USDC kaufen, einer an den US-Dollar gekoppelten Kryptowährung. Ausführung und Verwahrung übernimmt der US-Broker Alpaca, auf eine Blockchain übertragen lassen sich die Papiere nicht. Technisch ist das ein Brokerzugang im Kryptokonto.
Ein kleiner Markt, der nachts schwer zu bewerten ist
Wie unfertig der Markt ist, zeigt ein neues Kapitel im Finanzstabilitätsbericht des IWF. Darin hat der Fonds die fünf meistgehandelten tokenisierten US-Aktien untersucht, darunter Tesla, Nvidia und Alphabet. Rund 2,3 Mrd. USD steckten Ende Juli in tokenisierten Aktien, mehr als 70 % davon bei zwei Anbietern, Ondo Finance und Backed Finance. Gemessen am weltweiten Aktienmarkt von knapp 160 Bio. USD ist das ein Bruchteil.
Die Token schwankten rund 1,5-mal so stark wie die echten Aktien und waren weniger liquide: Es gibt wenige Käufer und Verkäufer, schon kleinere Aufträge können den Kurs spürbar bewegen. Mehr als die Hälfte des Handels lief außerhalb der US-Börsenzeiten, rund 80 % der Aufträge lagen unter einer ganzen Aktie.
Gerade nachts fehlt aber ein Referenzpreis, also ein laufend aktualisierter Kurs der echten Aktie. Ob ein Token dann zu teuer oder zu billig ist, lässt sich kaum beurteilen. Zufällig sind die Nachtkurse trotzdem nicht: Mehr als 85 % der nächtlichen Kursbewegungen tauchten binnen fünf Minuten nach Börsenstart auch in der echten Aktie auf.
Noch hält der IWF die Risiken für begrenzt, weil der Markt klein ist. Bevor er wächst, fordert der Fonds klare Vorgaben zu Eigentum, Liquidität und Abwicklung.
Worauf Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz achten sollten
Welche Rechte der Token bringt
Ob ein Aktien-Token Dividende und Stimmrecht bringt, legt der Anbieter fest, und die Spanne ist groß. Beim geplanten Nachthandel der Londoner Börse etwa sollen die Token kein Eigentum an der Aktie verschaffen. Ob Anleger Aktionär werden oder nur am Kurs teilnehmen, steht in den Produktbedingungen.
Wer die Aktie verwahrt
Hinter einer tokenisierten Aktie liegt das echte Papier in der Regel bei einem Herausgeber. Fällt er aus, entscheiden die Verträge, ob und wie Anleger an ihren Wert kommen. Dieses Gegenparteirisiko, also das Risiko, dass ein Vertragspartner ausfällt, tragen sie mit. Beim Brokerzugang liegt die Aktie beim Broker, der sie für den Kunden verwahrt.
Wann und zu welchem Preis gehandelt wird
Die reguläre Sitzung der US-Börsen läuft in der Regel von 15:30 bis 22:00 Uhr deutscher Zeit. Wer einen Aktien-Token davor oder danach handelt, kauft genau in den Stunden, in denen laut IWF der Referenzpreis fehlt.
Wo das Angebot gilt
Ob ein Angebot in Europa überhaupt zu haben ist, entscheidet der Anbieter. Bybits neues Aktienangebot ist im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gesperrt, zu dem Deutschland und Österreich gehören. Für die Schweiz, die nicht zum EWR zählt, lassen Bybits Angaben die Frage offen. Bei Morgan Stanley geht es zunächst um das hauseigene Handelssystem. Ob Anleger in Europa davon etwas haben, geht aus Oldenburgs Aussagen nicht hervor. Der klassische Weg zur US-Aktie im eigenen Depot führt weiter über eine Bank oder einen Broker. Worauf es bei der Auswahl ankommt, steht in unserem Ratgeber zur Brokerwahl.
Kurz erklärt
- Tokenisierte Aktie: Token auf einer Blockchain, hinter dem eine echte Aktie steht. Was er rechtlich verbrieft, legt der Anbieter fest, im weitesten Fall die Aktie selbst mit Dividende und Stimmrecht.
- Synthetischer Token: Token, der nur den Kurs einer Aktie nachbildet. Aktionärsrechte verbrieft er nicht.
- Brokerzugang: Kauf der echten Aktie über einen Broker, der sie verwahrt. Ein Token entsteht dabei nicht.
Was jetzt zählt
Ende Oktober startet die DTCC, die zentrale Verwahr- und Abwicklungsstelle für US-Wertpapiere, ihren Tokenisierungsdienst. Wie die DTCC die Wall Street tokenisieren will, haben wir im Juli beschrieben. Im Januar tritt der GENIUS Act in Kraft, das US-Gesetz für Stablecoins. Auf beide Wegmarken schaut Morgan Stanley nach Oldenburgs Worten. Offen ist außerdem, wann ICE und OKX ihren Handelsplatz starten dürfen.
Häufige Fragen zu tokenisierten Aktien
Kann ein Unternehmen verhindern, dass seine Aktie als Token gehandelt wird?
In den USA ja, soweit ein Handelsplatz die neue Ausnahmeregel der SEC nutzt. Dann können Unternehmen der Tokenisierung ihrer Aktie widersprechen.
Gilt die neue SEC-Regel auch für Anleger in Deutschland?
Die Ausnahmeregel bestimmt, welche Handelsplätze in den USA Aktien-Token handeln dürfen, ohne als Börse registriert zu sein. Eine Erlaubnis, solche Token in Europa anzubieten, enthält sie nicht. Ob Anleger aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz Zugang bekommen, hängt vom jeweiligen Anbieter und seinen Bedingungen ab.
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