ca. 7 minutes Lesezeit

Not your keys, not your problem: Warum Bitcoin-Wale ihre Schlüssel abgeben

Bitcoin wurde erfunden, um ohne Banken auszukommen. Ausgerechnet die größten Halter gehen gerade wieder hinein. Der Grund ist Angst, dazu ein zweiter, über den kaum jemand spricht. Für deutsche Anleger kippt die Rechnung.
Geschrieben von
Stefan Lanser
Veröffentlicht
August 28, 2026
Titelbild dazu, warum Bitcoin-Wale ihre Coins in ETF-Anteile tauschen, ein Bitcoin frei und einer im Banktresor

Bitcoin wurde erfunden, um ohne Banken auszukommen. Ausgerechnet die größten Halter entscheiden sich gerade dafür, wieder hineinzugehen.

Was dahintersteckt, ist eine Mischung aus Angst, Steuerrecht und einem dritten Grund, über den kaum jemand spricht.

Die Kernpunkte

  • Über eine sogenannte Sacheinlage können Anleger Bitcoin direkt gegen Fondsanteile tauschen, ohne zu verkaufen
  • BlackRock hat die Mindestgröße dafür im Juli von 25 Millionen auf 1 Million Dollar gesenkt, bei Bitwise fiel sie von 100 über 50 auf 3 Millionen
  • Bei Grayscale stieg der Anteil dieser Tausche an allen neuen Bitcoin-Anteilen von 28 Prozent im März auf 62 Prozent im Juni
  • Der Auslöser ist die Angst vor Diebstahl, Entführung und Verwahrpannen, und ausdrücklich keine höhere Rendite
  • In Deutschland kehrt sich die steuerliche Logik dieses Schrittes um

Wie eine Sacheinlage funktioniert

Bis zum Sommer 2025 galt in den USA: Wer Bitcoin in einen Fonds bringen wollte, musste sie verkaufen und dem Fonds Bargeld geben. Der Verkauf löste eine Steuerpflicht aus.

Dann erlaubte die US-Börsenaufsicht die Sacheinlage, im Englischen in-kind creation. Seitdem läuft es anders: Der Anleger schickt seine Bitcoin direkt an den Verwahrer des Fonds und bekommt dafür Fondsanteile. Verkauft wird nichts, getauscht schon.

Weil kein Verkauf stattfindet, fällt nach US-Recht je nach Lage des Anlegers keine sofortige Steuer auf den Kursgewinn an. Genau das macht den Schritt für große Halter attraktiv.

Technisch ist das kein Sonderweg. Dasselbe Verfahren trägt seit Jahrzehnten die gesamte ETF-Branche, nur eben mit Aktien statt mit Bitcoin.

Der eigentliche Grund ist Angst

Robbie Mitchnick, bei BlackRock für digitale Vermögenswerte zuständig, sagt es offen: Die Leute sähen, was da draußen passiere, ob Entführungen, Lösegeldforderungen oder Verwahrpannen, und das bringe sie dazu umzusteigen.

Das ist der entscheidende Satz. Es geht nicht um Rendite. Ein Fondsanteil bildet denselben Kurs ab wie die Bitcoin selbst, abzüglich Gebühren. Wer tauscht, verbessert seine Rendite nicht, er verschiebt ein Risiko.

Und dieses Risiko ist konkret geworden. Sicherheitslücken in Hardware-Wallets, offengelegte Kundendaten samt Wohnadressen, körperliche Angriffe auf Kryptobesitzer. Wer siebenstellige Beträge selbst verwahrt, trägt eine Verantwortung, die sich nicht delegieren lässt und die nachts wach hält.

Der Analyst PlanB, bekannt für sein Stock-to-Flow-Modell, hat diesen Schritt bereits im Februar 2025 gemacht und ihn mit Seelenfrieden begründet. Die Reaktion der Community war heftig. Aus ihrer Sicht gibt er genau das auf, wofür Bitcoin gebaut wurde.

Beide Seiten haben einen Punkt. Die Community, weil Selbstverwahrung der Kern der Sache ist. PlanB, weil ihm niemand vorschreiben kann, wie er mit seinem eigenen Vermögen umgeht.

Der Grund, über den kaum jemand spricht

Es gibt einen zweiten Beweggrund, der in den meisten Berichten fehlt: Fondsanteile lassen sich beleihen, selbst verwahrte Bitcoin nicht.

JPMorgan akzeptiert seit 2025 Anteile an Spot-Bitcoin-Fonds als Kreditsicherheit. Bitcoin in einer eigenen Wallet dagegen nicht.

Für vermögende Anleger berührt das den Kern ihrer Finanzplanung. Wer ein größeres Vermögen hält und Geld braucht, steht vor zwei Wegen:

Verkaufen. Dann ist der Gewinn zu versteuern, und das Vermögen ist weg.

Beleihen. Das Vermögen bleibt liegen und dient als Sicherheit für einen Kredit. Es fällt keine Steuer an, weil nichts verkauft wurde.

Genau so finanzieren sich wohlhabende Privatpersonen seit Jahrzehnten über Immobilien und Aktiendepots. Bitcoin war von diesem Mechanismus bisher ausgeschlossen, weil Banken selbst verwahrte Coins nicht als Sicherheit akzeptieren. Über den Umweg Fondsanteil funktioniert es.

Welche Möglichkeiten es dafür in Deutschland gibt, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengetragen: Bitcoin beleihen statt verkaufen.

Wo die Rechnung kippt

Die Idee dahinter klingt bestechend: Kreditzins zahlen, Vermögen behalten, und wenn das Vermögen stärker wächst als der Zins kostet, trägt sich die Sache selbst.

In der Praxis hängt alles an zwei Zahlen, und beide werden gern zu optimistisch angesetzt.

Der Zins. Wertpapierkredite kosten in Deutschland derzeit im Schnitt 6,5 bis 9,5 Prozent effektiv pro Jahr, bei kleineren Beträgen oder schwankungsanfälligen Sicherheiten auch mehr. Das ist deutlich mehr, als die Rechnung meist unterstellt.

Die Rendite. Wer dagegen 15 oder 20 Prozent im Jahr setzt, rechnet mit einem guten Jahr und nicht mit einem Durchschnitt. Breit gestreute Aktienindizes liefern langfristig eher hohe einstellige Werte. Ein Jahr mit 20 Prozent gibt es, ein Jahr mit minus 20 Prozent ebenfalls.

Und dann ist da das eigentliche Problem. Fällt die Sicherheit im Wert, verlangt die Bank Nachschuss. Kommt der nicht, verkauft sie. Sie verkauft genau dann, wenn die Kurse unten sind, also im schlechtesten Moment.

Bei einer schwankungsarmen Sicherheit ist das ein überschaubares Risiko. Bei Bitcoin, das in jedem abgeschlossenen Marktzyklus zwischen 78 und 94 Prozent verloren hat, sieht die Sache anders aus. Wer Bitcoin beleiht, um Bitcoin zu behalten, verstärkt genau die Bewegung, gegen die er sich absichern wollte.

Der Mechanismus funktioniert. Er funktioniert nur nicht automatisch, und er verzeiht keine Fehleinschätzung bei der Positionsgröße.

Für deutsche Anleger dreht sich die Steuerlogik um

Hier kommt der Punkt, der in der internationalen Berichterstattung untergeht.

Der ganze steuerliche Vorteil der Sacheinlage beruht auf US-Recht. In Deutschland gilt etwas anderes, und zwar fast das Gegenteil.

Direkt gehaltene BitcoinAnteil an einem Krypto-Fonds
Rechtsgrundlage§ 23 EStG, privates VeräußerungsgeschäftKapitalertragsteuer
Nach einem Jahr Haltedauersteuerfreisteuerpflichtig
Steuersatz bei kürzerer Haltedauerpersönlicher Einkommensteuersatz25 Prozent plus Soli

In Deutschland ist der Gewinn aus direkt gehaltenen Bitcoin nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Bei einem Fondsanteil greift die Kapitalertragsteuer, unabhängig davon, wie lange man ihn hält.

Wer hierzulande also selbst verwahrte Bitcoin gegen einen Fondsanteil tauscht, gibt eine Steuerbefreiung auf, die es in den USA gar nicht gibt. Der Schritt, der dort Steuern spart, kostet hier welche.

Ein Vorbehalt mit Ablaufdatum

Dieser Steuervorteil steht allerdings zur Disposition. Am 6. Juli 2026 hat das Bundeskabinett den Haushaltsentwurf für 2027 beschlossen, und darin sollen Kryptowährungen künftig wie Aktien besteuert werden. Die einjährige Haltefrist würde damit fallen.

Sollte das so kommen, verschwindet der Unterschied zwischen direkt gehaltenen Bitcoin und einem Fondsanteil, und die Rechnung dieses Artikels dreht sich in Richtung der US-Logik. Was genau geplant ist und was mit bereits gehaltenen Coins passieren soll, haben wir hier aufgeschrieben: Das Ende der Bitcoin-Haltefrist.

Dazu kommen zwei praktische Punkte:

Die genannten Fonds sind hier meist nicht erhältlich. In der EU sind keine Krypto-ETFs zugelassen. Was hier gehandelt wird, sind ETNs, also Schuldverschreibungen. Ob physisch hinterlegte Krypto-ETNs mit Lieferanspruch unter die Einjahresregel fallen, ist umstritten und im Einzelfall zu klären.

Ob deutsche Anbieter Krypto-ETNs überhaupt beleihen, ist offen. Die Beleihungswerte unterscheiden sich stark nach Wertpapierart, und schwankungsanfällige Papiere werden häufig ausgeschlossen oder nur gering angerechnet. Das gehört beim eigenen Anbieter erfragt, bevor man einen solchen Schritt plant.

Was man tatsächlich aufgibt

Bitcoin löst ein einziges technisches Problem besonders gut: Es macht Besitz möglich, ohne dass eine dritte Partei zustimmen muss. Kein Verwahrer, keine Bank, kein Konto, das eingefroren werden kann.

Wer in einen Fondsanteil tauscht, holt sich dieses Drittparteienrisiko wieder ins Haus. Er hält dann einen Anspruch gegen einen Fonds, der Bitcoin verwahren lässt, und eben keine Bitcoin mehr. Der Satz „Nicht deine Schlüssel, nicht deine Coins” gilt unverändert.

Das ist kein Argument gegen die Entscheidung. Es ist der Preis, und wer ihn kennt, kann ihn abwägen.

Auffällig ist eher, wie viele große Halter ihn inzwischen bewusst zahlen. Bei Grayscale liefen im Juni fast zwei Drittel aller neuen Bitcoin-Anteile über diesen Weg.

Für wen es sich rechnen kann

Drei Gruppen, bei denen der Schritt nachvollziehbar ist:

Wer die Verantwortung nicht tragen will. Selbstverwahrung bedeutet Backups, Ersatzgeräte, ein durchdachtes Verfahren für den Erbfall und die Gewissheit, dass ein einziger Fehler alles kosten kann. Wer das ehrlich beantwortet und zu dem Schluss kommt, dass er es auf Dauer nicht sauber hinbekommt, trifft mit dem Fondsanteil die sicherere Wahl.

Wer ein konkretes Sicherheitsproblem hat. Wer öffentlich als Kryptobesitzer bekannt ist, hat ein Risiko, das sich mit einem Tresor nicht lösen lässt.

Wer beleihen will. Wenn der Zugang zu Kredit gegen Sicherheit der eigentliche Zweck ist, führt an einem beleihbaren Papier kein Weg vorbei. Vorausgesetzt, die Rechnung oben geht auf.

Für alle anderen bleibt Selbstverwahrung die Variante, die Bitcoin überhaupt erst zu Bitcoin macht. In Deutschland kommt der steuerliche Vorteil hinzu.

Dieser Beitrag ist keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung. Steuerliche Fragen hängen vom Einzelfall ab und gehören von einem Steuerberater geprüft. Stand der Angaben: 26. August 2026.

Häufige Fragen

Was ist eine Sacheinlage bei Krypto-Fonds?

Ein Verfahren, bei dem ein Anleger Bitcoin direkt an den Verwahrer eines Fonds übergibt und dafür Fondsanteile erhält. Verkauft wird dabei nichts. Die US-Börsenaufsicht hat das im Sommer 2025 erlaubt.

Warum tauschen große Bitcoin-Halter in Fondsanteile?

Nach Angaben der Anbieter vor allem aus Sorge um die Sicherheit. Entführungen, Hacks und Fehler bei der eigenen Verwahrung haben zugenommen. Die Rendite ist praktisch identisch, das Verwahrrisiko wandert zum Fonds.

Sind Bitcoin im Fonds sicherer als in der eigenen Wallet?

Sie sind anders riskant. Das Risiko, den Zugang selbst zu verlieren oder bestohlen zu werden, entfällt. Dafür entsteht ein Risiko gegenüber Fonds und Verwahrer. Wer das eine gegen das andere tauscht, sollte wissen, welches Risiko er besser tragen kann.

Wie werden Bitcoin und Krypto-Fonds in Deutschland besteuert?

Direkt gehaltene Bitcoin fallen unter § 23 Einkommensteuergesetz und sind nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Anteile an einem Fonds unterliegen der Kapitalertragsteuer, unabhängig von der Haltedauer. Bei physisch hinterlegten ETNs mit Lieferanspruch ist die Einordnung umstritten und im Einzelfall zu klären.

Kann man Bitcoin als Kreditsicherheit hinterlegen?

Selbst verwahrte Bitcoin akzeptieren Banken in der Regel nicht. Anteile an Spot-Bitcoin-Fonds nimmt JPMorgan seit 2025 an. Ob deutsche Anbieter Krypto-ETNs beleihen und mit welchem Beleihungswert, unterscheidet sich stark und gehört vorab erfragt.

Was kostet ein Wertpapierkredit in Deutschland?

Im Schnitt liegen die Effektivzinsen derzeit zwischen 6,5 und 9,5 Prozent pro Jahr, abhängig von Anbieter, Kreditsumme und Art der Sicherheit. Bei fallenden Kursen kann die Bank Nachschuss verlangen oder die Sicherheiten verkaufen.

Erlerne die Kunst des Tradings
Jetzt Termin vereinbaren

Schritt für Schritt zu deiner finanziellen Freiheit!

Gespräch sichern
Du wirst da abgeholt, wo du stehst und hast 24/7 Support bei deinen nächsten Schritten. Mit eigens entwickelten Strategien bringen wir dir das nötige Wissen bei, damit du schnell und erfolgreich in Kryptowährungen investieren kannst. Du entscheidest selbst über dein Geld und worin du es investierst - du gibst dein Geld nie aus der Hand. Mit uns lernst du, Fehler zu vermeiden, bevor sie überhaupt entstehen.