Der S&P 500 hat am 4. August ein neues Allzeithoch markiert, der Weltindex von MSCI, auch bekannt als der World ETF, steuert auf einen Rekordschluss zu, und die Chip-Werte führen die Erholung an. Am selben Abend verlieren AMD und SpaceX teils zweistellig, obwohl beide die ohnehin hohen Erwartungen geschlagen haben.
Genau dieses Nebeneinander sorgt gerade für die meistgestellte Frage am Markt: Ist das der Anfang vom Ende des KI-Booms?
Das Wichtigste in Kürze
- Der S&P 500 schloss am 4. August bei 7.736 Punkten, 1,5 Prozent über dem bisherigen Rekordschluss vom 2. Juni. Im Hoch stand er bei 7.758 Punkten.
- AMD und SpaceX haben beide besser abgeliefert als erwartet und beide deutlich verloren. Der Auslöser war in beiden Fällen derselbe: die Investitionsausgaben.
- Der Markt zweifelt aktuell nicht an der Nachfrage nach KI, er zweifelt an ihrem Preis.
- Die Gewinne der vergangenen zwölf Monate sind historisch außergewöhnlich. Dass darauf irgendwann eine Korrektur folgt, ist die sichere Aussage. Der Zeitpunkt ist es nicht.
- Gemessen an der Dotcom-Zeit ist der aktuelle Aufwärtstrend jung: knapp vier Jahre und 116 Prozent, gegenüber 12,3 Jahren und 582 Prozent bis März 2000.
- Öl fällt Richtung 78,75 Dollar, weil sich eine befristete Einigung zur Straße von Hormus abzeichnet. Gold zieht auf rund 4.165 Dollar an.
- Der südkoreanische Kospi liegt trotz einer 25-prozentigen Erholung noch immer rund 44 Prozent unter seinem Hoch und ist sogar volatiler als Bitcoin.
Neue Rekorde, getragen von den Chips
Der All Country World Index von MSCI liegt satte 22 Prozent im Plus auf 12 Monate gesehen und steuert weiter auf einen weiteren Rekordschluss zu. Der Asien-Pazifik-Index sprang 2,2 Prozent in 24 Stunden und auch australische Aktien erreichten ein neues Hoch. In den USA hatten S&P 500 und Dow Jones am Dienstag auf Allzeithochs geschlossen. Breit diversifizierte Emerging-Markets-ETFs legten seit Anfang des Jahres um 20 Prozent zu, auf 12-Monats-Fenster gesehen sogar um 35 Prozent.
Getragen wird ein Großteil der Bewegung von den Halbleiter-Werten. Der Halbleiter-Index von MSCI war vom Juni-Hoch um mehr als 20 Prozent gefallen, hat sich seit dem Tief aber um 15 Prozent erholt und steht im laufenden Jahr 42 Prozent im Plus. Auf Sicht von zwölf Monaten hat er sich sogar verdoppelt. Ein US-Chip-Barometer verzeichnete den stärksten Viertagesgewinn seit 2020. In Seoul stieg SK Hynix um 6,7 Prozent.
Diese Zahlen sollte man kurz sacken lassen. Ein weltweit gestreuter Index mit 22 Prozent Jahresplus liegt weit über seinem langfristigen Durchschnitt, ein verdoppelter Sektorindex noch deutlich darüber. Solche Phasen enden historisch mit einer Korrektur, und je länger und steiler sie laufen, desto heftiger fällt diese in der Regel aus. Was sich daraus seriös ableiten lässt, ist das Ob. Nicht das Wann.
Warum ausgerechnet jetzt diese Erholung? Drei Belastungen, die den Rücksetzer der vergangenen Wochen ausgelöst hatten, lockern sich gleichzeitig: die Zweifel an den KI-Investitionen, die gestiegenen Anleiherenditen und der teure Ölpreis.
Charu Chanana ordnet dies Makro so ein. Sie ist Chief Investment Strategist bei Saxo, dem dänischen Investmentbroker mit Sitz in Kopenhagen, und arbeitet von Singapur aus. Ihre Einschätzungen laufen regelmäßig bei Bloomberg, Reuters und CNBC. Nach dem Abbau von Hebeln und überfüllten Positionen könne schon eine moderate Entlastung eine überproportionale Gegenbewegung erzeugen, sagt sie. Eine Entwarnung sei das nicht, denn die Rendite auf die KI-Investitionen müsse sich erst noch zeigen und Und ist andererseits bereits eingepreist. Bedeutet das, dass die Gewinne und Einnahmen für Rechenzentren – also Einnahmen oder Bestellungen, die teils Jahrzehnte laufen – jetzt schon im Preis eingebunden sind?
Dieser Punkt ist wichtig genug für eine Übersetzung ins Praktische. Wenn viele Marktteilnehmer dasselbe auf Kredit kaufen, spricht man von einer überfüllten Position. Fällt der Kurs, müssen gehebelte Positionen zwangsweise geschlossen werden, was den Kurs weiter drückt. Ist dieser Prozess durchgelaufen, fehlen die Zwangsverkäufer. Dann genügt eine kleine gute Nachricht für eine große steigende Bewegung, weil auf der Verkaufsseite schlicht niemand mehr steht. Genau dieses Muster lässt sich auch charttechnisch sichtbar machen, dazu weiter unten beim Kospi mehr.
AMD: Rekordumsatz, Kurs minus neun Prozent
AMD hat im zweiten Quartal 11,54 Milliarden Dollar umgesetzt, 50 Prozent mehr als im Vorjahr und mehr als erwartet. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 1,66 Dollar gegen 1,62 Dollar Erwartung. Der Nettogewinn stieg von 872 Millionen auf 2,3 Milliarden Dollar. Das Rechenzentrums-Geschäft hat sich auf 6,7 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Und der Ausblick auf das laufende Quartal liegt mit rund 13 Milliarden Dollar über den Schätzungen.
Trotzdem fiel die Aktie nachbörslich um rund neun Prozent, zeitweise mehr als zehn.
Der Auslöser steht in einer einzigen Zeile der Bilanz. Die Investitionen in Anlagen und Ausrüstung stiegen auf 808 Millionen Dollar, nach 282 Millionen im Vorjahr. Erwartet worden waren rund 299 Millionen. Das ist knapp das Dreifache der Konsensschätzung. Dahinter stecken neue Produktlinien und die Sicherung knapper Speicherchips.
Zwei weitere Punkte kamen dazu. Die Bruttomarge lag mit 54 Prozent unter den erwarteten 56 Prozent, belastet vom Hochlauf der Helios-Infrastruktur für KI. Und beim Ausblick hatten einzelne Analysten sogar mit bis zu 14 Milliarden Dollar gerechnet, nicht mit 13.
Zacks-Analyst Andrew Rocco bringt das Muster auf den Punkt: Anleger bestrafen derzeit gezielt Unternehmen, die wenig Ausgaben-Disziplin zeigen.
SpaceX: erste Zahlen nach dem Börsengang
Bei SpaceX lief es nach demselben Drehbuch. Das Unternehmen legte die ersten Quartalszahlen seit dem Börsengang im Juni vor. Der Umsatz lag bei 7,8 Milliarden Dollar, erwartet worden waren 6,81 Milliarden. Der Verlust fiel mit 9 Cent je Aktie geringer aus als die prognostizierten 24 Cent. Auch die KI-Sparte lieferte besser ab als befürchtet, mit 1,26 Milliarden Dollar operativem Verlust statt der erwarteten 2,39 Milliarden. Der Auftragsbestand liegt bei 47,5 Milliarden Dollar.
Die Aktie verlor nachbörslich rund 7,5 Prozent.
Auch hier waren es die Ausgaben. Für Anlagen und Ausrüstung flossen im Quartal rund 18,4 Milliarden Dollar ab, deutlich mehr als erwartet. Und das Unternehmen kündigte an, dieses Tempo im dritten und vierten Quartal zu halten. “Wir erwarten, dass sich das Tempo der KI-Entwicklung dramatisch verbessert”, sagte Elon Musk in der Analystenkonferenz.
Musk lieferte außerdem eine Prognose, die den Ton der Berichterstattung geprägt hat: eine Jahres-Umsatzrate von 100 Milliarden Dollar bis Dezember, erreichbar auch ohne weiteres Zutun. Analysten rechnen für das Gesamtjahr 2026 mit 38,6 Milliarden Dollar. Bloomberg-Intelligence-Analyst George Ferguson kommentierte trocken, ihm sei die Geschichte erneut verkauft worden, aus dem Bauch heraus halte er das für zu optimistisch.
Für zusätzliche Bewegung sorgte Präsidentin Gwynne Shotwell. SpaceX werde die satellitengestützte Internetversorgung um eigene Technik am Boden ergänzen und damit direkt gegen AT&T, Verizon und T-Mobile antreten. Die drei Aktien fielen nachbörslich jeweils über vier Prozent. Realistisch betrachtet ist das ein Projekt über Jahre, denn dafür braucht es neue Satelliten, zusätzliche Funkfrequenzen und Zugang zu tausenden Mobilfunkmasten.
Zwei Punkte gehören für Trader noch dazu:
- Diese Woche werden erstmals Aktien im Wert von über 100 Milliarden Dollar frei handelbar. Das kann zusätzlichen Druck auf den Kurs erzeugen.
- Parallel gab SpaceX eine Partnerschaft mit Nvidia bekannt. Für die Starmind-AI-1-Nutzlast sollen Rubin-GPUs und Vera-CPUs zum Einsatz kommen, die Rechenleistung im Orbit soll auf 250 Kilowatt Spitzenlast steigen. Nvidia legte nachbörslich 2,2 Prozent zu.
Öl fällt, weil Hormus näher rückt
Brent gab 0,8 Prozent auf rund 78,75 Dollar je Barrel nach. Der Grund ist diplomatisch: Laut Axios stehen die USA, Iran und Oman kurz vor einem befristeten Abkommen über die Straße von Hormus.
Der Entwurf sieht eine Laufzeit von 60 Tagen vor. Einlaufende Schiffe sollen eine nördliche Fahrrinne nahe Iran nutzen, auslaufende eine Route durch omanische Gewässer, abgestimmt mit Teheran. Gebühren sollen in dieser Zeit nicht anfallen. Zusätzlich wollen Iran und Oman eine mittlere Fahrrinne von Minen räumen.
Katar bestätigte, ein Vorschlag zur Deeskalation kursiere zwischen den Parteien. Trump sagte am Dienstagabend, die Gespräche liefen sehr gut, in 48 Stunden werde man mehr wissen. US-Finanzminister Scott Bessent hält eine Einigung binnen ein bis zwei Tagen für möglich.
Zur Einordnung gehört allerdings, dass noch nichts unterschrieben ist. Die vorige Waffenruhe hielt keinen Monat und scheiterte genau an der Frage, wer Hormus kontrolliert. IG-Analyst Tony Sycamore weist darauf hin, dass im Ölmarkt inzwischen sehr viel Optimismus eingepreist ist. Sollte sich das Abkommen zerschlagen, liegt das Risiko eher auf der Oberseite.
Gold, Anleihen, Dollar
Gold legte 2,2 Prozent auf rund 4.165 Dollar je Unze zu, Silber und Platin zogen ebenfalls an. Die Rendite zehnjähriger US-Anleihen fiel um zwei Basispunkte auf 4,59 Prozent, weil die Märkte weniger Zinserhöhungen einpreisen. Der Dollar gab den dritten Tag in Folge nach.
Die Wirkungskette dahinter ist geradlinig: Ein niedrigerer Ölpreis senkt den Inflationsdruck. Weniger Inflationsdruck bedeutet weniger Zinsdruck. Fallende Zinserwartungen wiederum machen zinslose Anlagen wie Gold attraktiver und nehmen gleichzeitig Druck von den Aktienbewertungen. Deshalb steigen Gold und Aktien in dieser Woche gemeinsam, was auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt.
Der Kospi: ein Index, der eigentlich ein Hebelprodukt ist
Ein Blick nach Südkorea lohnt sich, weil dort gerade sichtbar wird, was Konzentration mit einem Index anstellt.
Der Kospi gilt als breiter Marktindex. In der Praxis ist er das kaum noch. Samsung Electronics und SK Hynix zusammen machen inzwischen den größten Teil der Indexgewichtung aus, Ende Juni waren es nach Marktschätzungen rund 60 Prozent, gegenüber etwa 40 Prozent im Jahr 2024. Wer den Kospi kauft, kauft damit in erster Linie zwei Speicherchip-Hersteller.
Das Ergebnis sieht man am Chart. Vom Hoch im Juni bis zum Tief Ende Juli verlor der Index knapp 44 Prozent. Ein angeblich diversifizierter Aktienindex schwankte in dieser Phase stärker als Bitcoin.

Der Crash des KOSPIs war 20 Tage vorher im Chart zu sehen
Unser hauseigener Analyzer B zeigte zwischen Mai und Juni eine deutliche bärische Divergenz. Der Kurs markierte höhere Hochs, der Indikator dagegen tiefere. Übersetzt heißt das: Der Kurs stieg noch, aber mit immer weniger Kraft dahinter. Diese Konstellation stand rund 20 Handelstage im Chart, bevor der Absturz begann. Was eine Divergenz ist und wie man sie liest, erklären wir ausführlich in unserem Artikel zur Chartanalyse und Marktstruktur.
Und aktuell? Eine versteckte Bullen-Divergenz im KOSPI
Wir haben uns den Kospi im Team von Haag Sondershausen in Koblenz noch einmal auf dem größeren Zeitfenster angesehen. Dabei zeigt sich seit April eine versteckte Bullen-Divergenz (Hidden Bullish Divergence).
Der Unterschied zur normalen Variante ist wichtig. Bei einer normalen bullischen Divergenz macht der Kurs ein tieferes Tief, der Indikator aber ein höheres. Das ist ein Umkehrsignal.
Bei der versteckten Variante ist es genau andersherum: Der Kurs bildet ein höheres Tief, der Indikator dagegen ein tieferes. Beim Kospi liegt das Julitief bei rund 5.500 Punkten und damit deutlich über dem Apriltief bei rund 5.000, während der Indikator im Juli tiefer stand als im April.
Diese Konstellation gilt als Fortsetzungssignal. Sie deutet darauf hin, dass der übergeordnete Aufwärtstrend intakt geblieben sein könnte und der Einbruch eine Korrektur innerhalb dieses Trends war, keine Trendwende. Seit dem Tief vom 29. Juli hat der Index rund 25 Prozent zugelegt.
Damit schließt sich der Kreis zu dem, was Charu Chanana über den Abbau von Hebeln gesagt hat. Genau diesen Vorgang bildet die versteckte Bullen-Divergenz technisch ab: Der Verkaufsdruck war zuletzt extremer als der Kursrückgang selbst, was typischerweise auf Zwangsverkäufe hindeutet statt auf einen echten Meinungsumschwung. Sind die abgearbeitet, fehlt das Angebot, und die Gegenbewegung fällt überproportional aus.
Ein Signal ist trotzdem kein Versprechen. Der Kospi steht weiterhin 44 Prozent unter seinem Hoch, hängt an zwei Aktien und ist damit hochgradig anfällig für jede Nachricht aus dem Speicherchip-Markt.
Das Bild kann sich also jederzeit wandeln.
Für Anleger ist die Lehre aus dem KOSPI allerdings allgemeiner Natur: Ein Index ist nur so breit wie seine Gewichtung.
Platzt jetzt die KI-Blase?
Nach allem, was diese Woche zu sehen war, lautet die Antwort: Was gerade passiert, ist eine Neubewertung, kein Platzen.
Der Unterschied liegt darin, woran der Markt zweifelt. Er zweifelt aktuell an den Kosten der KI-Nachfrage und daran, wann sie sich rechnet. An der Nachfrage selbst zweifelt er nicht.
Genau das zeigen die Reaktionen auf AMD und SpaceX: Beide Unternehmen wachsen kräftig, beide werden für ihre Rechnung dafür abgestraft. In einer platzenden Blase brechen dagegen die Umsätze weg, nicht die Margen.
Ein Blick auf die Monatsperformance im Nasdaq 100 stützt das. Microsoft steht rund 28 Prozent im Plus, Palantir 26 Prozent, Amazon knapp 15 Prozent. Gleichzeitig liegen Sandisk, KLA, AppLovin, Tesla und SpaceX zwischen 20 und 30 Prozent im Minus. Das ist keine Sektorbewegung, das ist Selektion. In einer platzenden Blase fällt alles gemeinsam.

Woran du ein echtes Platzen erkennen würdest
3 Signale wären ernst zu nehmen, und keines davon ist bisher da:
- Sinkende Umsätze statt sinkender Margen. Solange die Rechenzentrums-Umsätze wie bei AMD im Jahresvergleich um mehr als 100 Prozent steigen, ist die Nachfrage intakt. Kritisch wird es, wenn Auftragsbestände schrumpfen und Bestellungen storniert werden. (Was bei extremen Investitionsausgaben durchaus jederzeit passieren kann.)
- Gekürzte Investitionsbudgets bei den großen Abnehmern. Aktuell kündigen die Konzerne an, ihr Ausgabentempo zu halten. Ein plötzliches Zurückrudern wäre das deutlichste Warnsignal, weil die Ausgaben der einen die Umsätze der anderen sind.
- Breite statt selektiver Verkäufe. Wenn Gewinner und Verlierer gemeinsam fallen, verkauft der Markt das Thema. Solange er zwischen beiden unterscheidet, bewertet er es nur neu.
Die Korrektur kommt trotzdem, nur eben nicht auf Ansage
Ein Wort zur Einordnung, damit dieser Abschnitt nicht als Entwarnung gelesen wird. Ein Weltindex mit 22 Prozent Jahresplus, ein Halbleiter-Sektor, der sich in 12 Monaten verdoppelt hat: Solche Läufe halten nicht ewig. Irgendwann folgt eine deutliche Korrektur, historisch war das ausnahmslos so.
Was daraus praktisch folgt, ist allerdings weniger dramatisch, als es klingt. Niemand kennt den Zeitpunkt, und wer seit Monaten auf den Einbruch wartet, hat in dieser Zeit die 22 Prozent verpasst. Der Kospi zeigt sogar beides in einem Chart: erst der Absturz um 44 Prozent, dann ein technisches Signal, das für die Fortsetzung des übergeordneten Trends spricht. Die nützlichere Frage lautet deshalb: Hält dein Depot einen Rückgang von 30 oder 40 Prozent aus, ohne dass du in Panik verkaufst?
Der Dotcom-Vergleich hinkt an einer Stelle: der Zeit
Wer die heutige KI-Euphorie mit der Dotcom-Blase vergleicht, sollte einen Punkt mitdenken, der in der Debatte fast immer untergeht. Der Bullenmarkt, der im März 2000 endete, war zu diesem Zeitpunkt uralt.
Er begann im Dezember 1987, kurz nach dem Schwarzen Montag, und lief bis zum Allzeithoch am 24. März 2000 bei 1.527 Punkten. Das sind 4.494 Tage, also rund 12,3 Jahre, mit einem Kursplus von 582 Prozent. Zwölf Jahre ohne größeren Abverkauf, am Ende versechsfacht.
Beachten sollte man: Auch wenn die Dotcom-Blase zwischen März 2000 und Oktober 2002 um 50 % fiel, lag der S&P 500-Kurs mit seinem Low der Dotcom-Blase immer noch 127 % über dem All-Time-High von August 1987 – also wenige Wochen vor dem Schwarzen Montag.
Der aktuelle Aufwärtstrend begann am 12. Oktober 2022 bei 3.577 Punkten, einen Monat vor der Veröffentlichung von ChatGPT. Bis zum Rekord vom 4. August sind das rund drei Jahre und zehn Monate und ein Plus von etwa 116 Prozent. Also nicht einmal ein Drittel der Laufzeit und weniger als ein Fünftel des Kursanstiegs der Dotcom-Blase.
Damit ist nichts bewiesen, historische Muster wiederholen sich nicht nach Fahrplan. Der Vergleich macht aber deutlich, wie unterschiedlich reif die beiden Phasen sind.
Einige Experten schätzen, dass hier eher noch Wertbildung stattfindet anstatt ein Endstadium. Ein Thema dieser Größenordnung wäre nach knapp vier Jahren ungewöhnlich früh durch, gerade wenn ein erheblicher Teil des Potenzials noch vor der Umsetzung liegt.
Beide Sichtweisen lassen sich übrigens gut nebeneinander halten: Die Gewinne der vergangenen zwölf Monate sind außergewöhnlich und laden zu einer Korrektur ein. Der übergeordnete Zyklus ist gemessen an 1987 bis 2000 trotzdem jung.
Warum eine Blase nicht das Ende des Themas bedeutet
Und selbst wenn sich das Bild in den kommenden Monaten dreht, folgt daraus nicht, dass KI als Thema erledigt wäre. Die Dotcom-Blase ist auch dafür das Standardbeispiel. Alles mit Internet-Bezug wurde gehypt und überkauft, die Blase platzte, und aus den Trümmern gingen die Unternehmen hervor, die das Internet bis heute tragen. Amazon verlor damals über 90 Prozent seines Werts und ist heute einer der wertvollsten Konzerne der Welt.
Bei KI dürfte es ähnlich laufen. Ein Teil der heutigen Bewertungen wird sich als zu optimistisch erweisen. Ein anderer Teil wird die Infrastruktur der kommenden Jahrzehnte stellen. Die schwierige Aufgabe für Anleger ist, beides auseinanderzuhalten, und genau daran arbeitet der Markt gerade sehr laut.
Wer wissen will, warum solche Phasen den meisten Tradern trotzdem Geld kosten, findet die Mechanik dahinter in unserem Artikel Warum verlieren die meisten Trader Geld?.
Auch der S&P 500 zeigt aktuell die eine oder andere übergeordnete Divergenz an – und das mitten in der Preisfindung von neuen Allzeithochs. Eine ideale Spielwiese für alle Trader mit solidem Risikomanagement.
Am Rande, aber relevant
Wall Street übernimmt den Kryptomarkt. Nach Daten des Handelshauses Wintermute entfielen im ersten Halbjahr 2026 rund 72 Prozent des Spot-Handelsvolumens am eigenen OTC-Desk auf institutionelle Investoren, nach 59 Prozent im Vorjahr. Bitcoin liegt rund 50 Prozent unter seinem Hoch von über 126.000 Dollar im Oktober, der Rückgang verlief aber ungewöhnlich geordnet. Von den brutalen Neubewertungen früherer Kryptowinter war wenig zu sehen. Wer wissen will, warum dieser Zyklus anders aussieht, findet Hintergrund in unserem Artikel zu Krypto-ETFs in den USA.
Der erste Spot-Bitcoin-ETF macht dicht. Hashdex stellt seinen DEFI ein. Das Produkt hatte nur 14 Millionen Dollar eingesammelt. Bloomberg-Analyst Eric Balchunas ordnet ein, dass weniger der Kursrückgang das Problem war als der späte Start. Für einen unabhängigen Anbieter ist es schwer, in einer bereits verteilten Kategorie noch Fuß zu fassen.
Nigeria erlaubt tokenisierte Wertpapiere. Die dortige Börsenaufsicht hat der OTC-Börse NASD grünes Licht gegeben, tokenisierte Versionen klassischer Aktien anzubieten, Start Anfang September. Zielgruppe sind kleine und mittlere Unternehmen ohne Zugang zu Bankkrediten. Das reiht sich in eine Entwicklung ein, die wir in unserer Analyse zum Tokenisierungs-Markt ausführlich beschrieben haben.
Open USD ist weniger Bedrohung als gedacht. Die Ankündigung des von Coinbase, Visa und Mastercard getragenen Stablecoins hatte Circle zeitweise 20 Prozent Börsenwert gekostet. In den jüngsten Quartalskonferenzen betonten alle drei, mehrere Stablecoins parallel unterstützen zu wollen. Visa-Chef Ryan McInerney formulierte es so: “Unsere Rolle ist es nicht, Gewinner auszuwählen.” Details dazu stehen in unserem Artikel zum Open-USD-Start.
Der Clarity Act hängt weiter im Senat. Mehrheitsführer Thune hat am Dienstagabend keinen Antrag auf Abschluss der Debatte gestellt. Neben Verfahrensfragen rund um den Übergangshaushalt fehlen weiterhin eine überparteiliche Ethik-Vereinbarung und eine Einigung in strittigen Detailfragen. Den Stand dazu haben wir in unserem Clarity-Act-Update aufbereitet.
Makro das jetzt an der Börse zählt
Drei Dinge sind in den kommenden Tagen im Blick zu behalten:
- Die Hormus-Ankündigung. Kommt sie, dürfte der Ölpreis weiter nachgeben und den Inflationsdruck senken. Platzt sie, ist angesichts des eingepreisten Optimismus mit einer heftigen Gegenbewegung zu rechnen.
- Die SpaceX-Aktien aus der Haltefrist. Über 100 Milliarden Dollar an frei werdendem Material treffen auf einen Kurs, der ohnehin unter Druck steht.
- Die Reaktion auf die nächsten Quartalszahlen. Wenn sich das Muster von AMD und SpaceX wiederholt, ist die Ausgaben-Disziplin für dieses Quartal die entscheidende Kennzahl, wichtiger als Umsatz und Gewinn.
Das Grundmuster bleibt vorerst dasselbe: Die Indizes zeigen einen langen Atem, während einzelne Werte hart abgestraft werden, sobald sie teuer wachsen. Wachstum wird gerade nicht mehr automatisch honoriert, wenn es teuer erkauft ist.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Markteinordnung und beleuchtet sowohl die bärische als auch die bullische Perspektive und Annahmen von Experten und Tradern aus der globalen Medien- und Finanzlandschaft dar. Beschriebene Erwartungen der Experten stellen keine Anlageberatung dar.


