Wer einen Bitcoin-Chart mit acht Indikatoren betrachtet, bekommt acht Meinungen und keine Entscheidung. Florian schaltet in diesem Video alles ab und arbeitet nur mit dem Volumenprofil. Der Artikel zeigt Schritt für Schritt, wie er dabei vorgeht, und erklärt die Begriffe, die im Video vorausgesetzt werden.
Das Video in Kürze
- Alle Indikatoren aus, es bleibt nur der reine Kerzenchart im Tageschart
- Seitwärtsphasen suchen, weil dort das Volumen zusammenläuft
- Über jede Phase ein Fixed Range Volume Profile legen
- Vom Profil nur den Point of Control übernehmen und als waagerechte Linie speichern
- Dazu die Liquiditätspunkte über den markanten Hochs und unter den Tiefs
- Zum Schluss in eine kleinere Zeiteinheit wechseln und dort den Einstieg suchen
Warum ausgerechnet das Volumenprofil
Ein normaler Volumenbalken unter dem Chart zeigt, wie viel in einer Zeiteinheit gehandelt wurde. Das Volumenprofil dreht die Frage um und zeigt, wie viel auf welchem Kursniveau gehandelt wurde.
Das ist für Bitcoin deshalb besonders nützlich, weil der Kurs den größten Teil seiner Zeit in Seitwärtsphasen verbringt und nur einen kleinen Teil in schnellen Bewegungen.
Seitwärts heißt dabei keineswegs Stillstand. In solchen Phasen sammeln große Adressen ihre Positionen ein und der Markt sucht seinen Preis. Innerhalb der Spanne geht es deshalb oft kräftig hin und her. In der Bitcoin-Phase von 2024 lagen zwischen Unter- und Oberkante des Hauptbereichs rund 19 Prozent. Wer die Grenzen kennt, kann diese Bewegungen von einer Kante zur anderen handeln, ganz ohne auf den Ausbruch zu warten.
Genau dafür braucht es die Linien. Sie sagen, wo die Spanne endet.
Ein Beispiel, das jeder nachschlagen kann: Von Sommer bis Anfang November 2024 lief Bitcoin rund fünf Monate lang zwischen etwa 55.000 und 70.000 USD hin und her. Am 5. November 2024 stand der Kurs bei rund 70.000 USD. Am 4. Dezember überschritt er zum ersten Mal 100.000 USD.
Fünf Monate Seitwärtsphase, dann 29 Tage für 43 Prozent.
In der langen Phase wechseln große Mengen den Besitzer, ohne dass sich der Preis groß bewegt. Genau dort entstehen die Niveaus, an denen sich später etwas entscheidet. Wer nur die schnellen Bewegungen anschaut, verpasst die Vorarbeit, aus der sie entstehen.

Die Grafik zeigt beide Phasen im Wochenchart. Aus der ersten ergibt sich ein Point of Control bei rund 60.400 USD, aus der zweiten einer bei rund 96.500 USD. Beide Linien laufen nach rechts weiter, und die Kreise markieren die Wochen, in denen der Kurs später wieder genau dort war. Bei der oberen Linie waren das drei Rückläufe über anderthalb Jahre hinweg, obwohl die Phase selbst im Februar 2025 endete.
Das ist der ganze Punkt der Methode. Ein Niveau aus einer alten Seitwärtsphase bleibt eine Adresse, auch wenn seither viel passiert ist.
Kehrt der Kurs zu einem solchen Niveau zurück, trifft er auf Marktteilnehmer, deren Positionen genau dort entstanden sind. Wer im Verlust sitzt, will raus. Wer im Gewinn sitzt, sichert ab. Beides erzeugt Aufträge, und das macht das Niveau zu einem echten Widerstand oder einer echten Unterstützung.
Welche der beiden Rollen die Zone übernimmt, hängt davon ab, aus welcher Richtung der Kurs kommt.
Von unten angelaufen wirkt sie als Widerstand. Dort sitzen die Käufer von damals, die seit dem Rückgang im Minus stehen. Viele von ihnen wollen bei ihrem Einstiegskurs wieder aussteigen. Ihre Verkaufsaufträge warten genau auf diesem Niveau.
Von oben angelaufen wirkt dieselbe Zone als Unterstützung. Jetzt sind diejenigen am Zug, die den Bereich für einen fairen Preis halten und beim ersten Mal zu spät waren. Ihre Kaufaufträge liegen dort.
Es ist also immer dasselbe Niveau. Was wechselt, ist die Seite, auf der die wartenden Aufträge liegen. Deshalb wird aus einem gebrochenen Widerstand beim Rücklauf häufig eine Unterstützung, ohne dass sich am Kurs selbst irgendetwas geändert hätte.
Schritt 1: Den Chart leer räumen
Alle Indikatoren werden ausgeschaltet. Die meisten Indikatoren rechnen aus demselben Kurs dasselbe aus und bestätigen sich gegenseitig. Fünf Werkzeuge, die alle vom gleitenden Durchschnitt abgeleitet sind, liefern keine fünf Meinungen. Sie liefern eine Meinung in fünf Farben.
Was bleibt, ist der Kerzenchart im Tagesintervall. Florian arbeitet im Video auf Binance, das Werkzeug gibt es aber bei jedem gängigen Anbieter.
Schritt 2: Seitwärtsphasen finden
Jetzt wird der Chart nach Phasen abgesucht, in denen der Kurs über Wochen zwischen zwei Niveaus hin und her läuft, ohne auszubrechen.

Eine Phase beginnt dort, wo die Bewegung ausläuft, und endet an dem Punkt, an dem der Kurs ausbricht. Wer die Auswahl zu großzügig zieht und den Ausbruch mit einschließt, bekommt ein Profil, das zwei verschiedene Marktphasen vermischt. Das Ergebnis sieht dann aus wie ein Level, ist aber ein Durchschnitt aus zwei Situationen, die nichts miteinander zu tun haben.
Schritt 3: Das Fixed Range Volume Profile setzen
Für die markierte Phase kommt das Werkzeug Fixed Range Volume Profile zum Einsatz. Es rechnet nur das Volumen innerhalb des gewählten Bereichs und legt es als waagerechte Balken neben die Preisachse.
Der Unterschied zu den anderen Varianten ist der Grund, warum Florian genau diese nimmt. Ein Profil über den sichtbaren Bereich ändert sich, sobald man den Chart verschiebt. Ein Profil über eine feste Auswahl bleibt, wo es ist. Nur so lassen sich die Levels später wiederfinden.

Aus dem fertigen Profil ergeben sich drei Werte:
- Der Point of Control, kurz POC, ist das Kursniveau mit dem höchsten gehandelten Volumen. Das ist die Linie, um die es hier vor allem geht.
- Das Value Area High und das Value Area Low begrenzen den Bereich, in dem rund 70 Prozent des Volumens gehandelt wurden.
Schritt 4: Nur den Point of Control behalten
Das Profil selbst wird nach dem Ablesen ausgeblendet. Übrig bleibt eine einfache waagerechte Linie auf Höhe des Point of Control.
Florian beschriftet diese Linien mit einem Kürzel und sortiert sie in eine Gruppe, die sich mit einem Klick ein- und ausblenden lässt. Dazu sperrt er sie, damit sie beim Zeichnen nicht versehentlich verschoben werden.
Nach ein paar Phasen liegt so ein Raster aus wenigen Linien über dem Chart. Bei den größten und längsten Phasen empfiehlt er, zusätzlich Value Area High und Low zu behalten, weil dort die stärksten Bewegungen entstanden sind.
Das Ergebnis ist ein Chart, der leer aussieht und trotzdem alles Wichtige enthält.

Schritt 5: Liquidität einzeichnen
Der zweite Baustein sind die Liquiditätspunkte. Gemeint sind die Bereiche direkt über einem markanten Hoch und direkt unter einem markanten Tief.
Dort sammeln sich Stop-Orders. Wer auf steigende Kurse gesetzt hat, legt seine Absicherung unter das letzte Tief. Wer auf fallende Kurse gesetzt hat, legt sie über das letzte Hoch. Werden diese Aufträge ausgelöst, entsteht schlagartig Bewegung in eine Richtung. Was eine Stop-Order genau ist und wie sie sich von anderen Auftragsarten unterscheidet, haben wir in Market, Limit oder Stop Order erklärt.
Florian sucht diese Punkte an zwei Stellen: an klaren Hochs und Tiefs, und an auffällig langen Dochten. Ein langer Docht ist die Spur eines Abgriffs, der bereits stattgefunden hat.

Ein Beispiel aus dem laufenden Jahr: Vom 24. Juni bis zum 1. Juli 2026 lief Bitcoin acht Tage lang in denselben Bereich hinein. Der tiefste Punkt lag bei 57.800 USD und ist bis heute das Tief des Jahres. Alles, was Käufer aus dieser Zone darunter abgesichert haben, liegt seitdem unberührt dort. Der Kurs steht inzwischen bei rund 78.000 USD, abgeholt wurde diese Liquidität also nie.
Schritt 6: In die kleinere Zeiteinheit wechseln
Das Raster aus dem Tageschart liefert die Landkarte, nicht den Einstieg. Für den Einstieg wechselt Florian in eine kleinere Zeiteinheit und schaut, ob sich dort an einem der Levels eine Bestätigung ergibt.
Diese Reihenfolge ist der Kern der Methode. Erst die Landkarte, dann die Lupe. Wer umgekehrt anfängt, findet in der kleinen Zeiteinheit ständig Muster, die im großen Bild keine Rolle spielen.
Erklärt für Einsteiger
Was ein Liquiditätsabgriff ist
Ein Liquiditätsabgriff beschreibt den Vorgang, bei dem der Kurs kurz über ein Hoch oder unter ein Tief sticht, die dort liegenden Aufträge auslöst und danach in die Gegenrichtung dreht.
Wo viele Aufträge auf demselben Niveau liegen, findet ein großer Käufer oder Verkäufer die Gegenseite, die er für seine Position braucht. Deshalb bewegt sich der Kurs dorthin.
Im Chart erkennt man das an einer Kerze mit langem Docht und einem Schlusskurs zurück im alten Bereich.
Warum ein Strukturbruch das Bild dreht
Ein Aufwärtstrend besteht aus höheren Hochs und höheren Tiefs. Solange diese Abfolge hält, ist der Trend intakt. Ausführlicher steht das in unserem Artikel zur Marktstruktur.
Im Video zeigt Florian den Moment, in dem der Kurs erstmals ein tieferes Hoch bildet und anschließend unter das letzte höhere Tief fällt. Das ist der Strukturbruch. Ab da gilt die alte Abfolge nicht mehr, und die Levels über dem Kurs werden von Unterstützung zu Widerstand.
Ein Beispiel aus der eigenen Vergangenheit: Ende Oktober 2025 stand Bitcoin bei rund 116.000 USD. Florian hat damals in einem Marktupdate genau diese Struktur beschrieben, die Hochs bildeten kein neues Hoch mehr, die Abfolge war gebrochen. Er nahm Gewinne mit, schloss seine gehebelten Long-Positionen und baute eine Short-Position auf. Als mögliches Ziel nannte er einen Rücklauf in den Bereich um 87.000 bis 88.000 USD, im schlechteren Fall deutlich tiefer.
Zehn Monate später notiert Bitcoin darunter. Die Richtung stimmte also. Interessant ist, welches seiner beiden Argumente getragen hat: Er hatte die Korrektur an eine ausbleibende Zinssenkung geknüpft. Die Zinssenkung kam am 29. Oktober 2025 trotzdem, und Bitcoin fiel danach ohnehin. Was gehalten hat, war das Chartbild, nicht die Zinswette.
Was der Point of Control praktisch bedeutet
Auf diesem Niveau haben sich in dieser Phase die meisten Käufer und Verkäufer geeinigt. Kommt der Kurs zurück, ist mit einer Reaktion zu rechnen. Ob die Reaktion nach oben oder nach unten geht, sagt der Point of Control nicht. Dafür braucht es die Bestätigung aus der kleineren Zeiteinheit.
Das Beispiel aus dem Video
Im Video liegen zwei Levels dicht beieinander: ein Widerstandsbereich um 82.000 USD und ein weiterer um 85.500 USD. Wie die Lage rund um diese Marke damals einzuordnen war, steht im Marktupdate von August 2026. Beide fallen mit auffällig hohem Volumen in der Orderbuch-Ansicht zusammen.
Florians Überlegung dazu: Bricht der Kurs über den ersten Bereich und nimmt ihn beim Rücklauf als Unterstützung an, ist der Weg zum zweiten Level frei. Scheitert er dort und bildet weiter tiefere Hochs, spricht das für eine Korrektur.
Genau so ist die Methode gedacht. Sie liefert zwei Möglichkeiten mit klaren Bedingungen, nicht eine Prognose.
Fazit
Das Volumenprofil ersetzt keine Strategie. Es räumt den Chart auf und beantwortet eine einzige Frage: Wo hat der Markt schon einmal ernsthaft gehandelt?
Wer diese Frage sauber beantwortet, braucht deutlich weniger Werkzeuge für den Rest. Der Aufwand liegt einmalig beim Einzeichnen. Danach reichen ein paar waagerechte Linien.
Dieser Artikel ist eine allgemeine Einordnung und keine Anlageberatung. Chartanalyse liefert Wahrscheinlichkeiten, keine Sicherheiten. Jeder Handel kann zum Verlust des eingesetzten Kapitals führen.


