Eine Strategie ohne Rückrechnung ist eine Vermutung. Backtesting beantwortet die Frage, ob ein Regelwerk in der Vergangenheit funktioniert hätte, und zwar in Zahlen statt in Gefühlen.
Es beweist nicht, dass die Strategie weiter funktioniert. Es schließt aber aus, dass sie nie funktioniert hat, und das allein sortiert die meisten Ideen aus.
Die drei Zahlen, die am Ende stehen müssen
Ein Backtest ist erst fertig, wenn diese drei Werte dastehen. Alles andere ist Beiwerk.
| Zahl | Was sie beantwortet |
|---|---|
| Erwartungswert je Trade | Trägt das System über viele Trades, oder verliert es langsam? |
| Maximaler Drawdown | Wie tief ging es zwischenzeitlich, und hättest du das ausgehalten? |
| Anzahl der Trades | Ist das Ergebnis belastbar oder Zufall? |
Die dritte Zahl wird fast immer unterschätzt. Sie entscheidet darüber, ob die ersten beiden überhaupt etwas bedeuten.
Warum 30 Trades nicht reichen
Angenommen, dein Backtest zeigt eine Trefferquote von 60 Prozent. Wie sicher ist diese Zahl? Das hängt allein an der Anzahl der Trades. Die Spanne, in der die wahre Trefferquote mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt:
| Anzahl Trades | Wahre Trefferquote liegt zwischen | Breite der Spanne |
|---|---|---|
| 10 | 30 und 90 Prozent | 61 Punkte |
| 30 | 43 und 78 Prozent | 35 Punkte |
| 50 | 46 und 74 Prozent | 27 Punkte |
| 100 | 50 und 70 Prozent | 19 Punkte |
| 500 | 56 und 64 Prozent | 9 Punkte |
Bei 30 Trades kann die tatsächliche Trefferquote also genauso gut bei 43 Prozent liegen. Erst ab rund 100 Trades lässt sich überhaupt sagen, dass die Strategie besser ist als eine Münze. Wer nach zwanzig Rückrechnungen von einem funktionierenden System spricht, hat nichts gemessen.
Backtesting ohne Software
Für die meisten Strategien braucht es kein Programm. Die Bar-Replay-Funktion in gängigen Chartprogrammen spult den Chart bis zu einem beliebigen Datum zurück und zeigt die Kerzen von dort an einzeln.
- Zeitpunkt wählen, an dem du den weiteren Verlauf nicht kennst
- Regelwerk vorher aufschreiben, nicht währenddessen anpassen
- Jeden Trade im Trading-Tagebuch erfassen: Einstieg, Stop-Loss, Ziel, Ergebnis
- Kerze für Kerze vorspulen, nicht springen
- Erst am Ende auswerten, nicht zwischendurch
Ein Mini-Backtest zum Nachrechnen
Zehn Trades sind für ein Urteil viel zu wenig. Sie reichen aber, um die Auswertung einmal durchzuspielen. Alle Ergebnisse stehen in R, also in Vielfachen des Risikos:
| Trade | Ergebnis | Summe | Abstand zum Höchststand |
|---|---|---|---|
| 1 | plus 2 | plus 2 | 0 |
| 2 | minus 1 | plus 1 | minus 1 |
| 3 | minus 1 | 0 | minus 2 |
| 4 | plus 2 | plus 2 | 0 |
| 5 | plus 2 | plus 4 | 0 |
| 6 | minus 1 | plus 3 | minus 1 |
| 7 | plus 2 | plus 5 | 0 |
| 8 | minus 1 | plus 4 | minus 1 |
| 9 | minus 1 | plus 3 | minus 2 |
| 10 | plus 2 | plus 5 | 0 |
- Trefferquote: fünf von zehn, also 50 Prozent
- Erwartungswert: plus 5 R geteilt durch zehn Trades, also 0,5 R je Trade
- Maximaler Drawdown: 2 R, zweimal erreicht
- Belastbarkeit: keine. Bei zehn Trades liegt die wahre Trefferquote irgendwo zwischen 30 und 90 Prozent.
Genau so sieht die Auswertung später mit hundert Trades aus, nur mit Zahlen, auf die du dich verlassen kannst. Mit 0,4 Prozent Risiko je Trade entsprächen 0,5 R einem Plus von 0,2 Prozent je Trade.
Die vier Fallen
Der Blick nach vorn. Du weißt beim Rückrechnen, wie es ausgegangen ist. Das färbt jede Entscheidung, oft unbemerkt. Deshalb Kerze für Kerze, ohne den weiteren Chart zu sehen.
Die Überanpassung. Je mehr Parameter du drehst, bis das Ergebnis gut aussieht, desto sicherer passt die Strategie nur auf diesen einen Zeitraum. Faustregel: wenige Regeln, die du erklären kannst, schlagen viele, die du optimiert hast.
Der falsche Zeitraum. Ein Jahr Bullenmarkt sagt nichts darüber, wie sich ein System in einer Seitwärtsphase verhält. Ein brauchbarer Test deckt Aufwärts-, Abwärts- und Seitwärtsphasen ab.
Die vergessenen Kosten. Spread und Gebühren gehören in jeden einzelnen Trade. Wie stark sie wirken, hängt an der Zielgröße:
| Ziel je Trade | Anteil, den ein Spread von einem Punkt frisst |
|---|---|
| 5 Punkte | 20 Prozent |
| 20 Punkte | 5 Prozent |
| 100 Punkte | 1 Prozent |
| 300 Punkte | 0,3 Prozent |
Eine Strategie mit positivem Erwartungswert vor Kosten kann nach Kosten glatt negativ sein. Bei kurzen Zielen entscheidet dieser Punkt über alles.
Vom Backtest zum echten Geld
Zwischen Rückrechnung und Echtgeld gehört ein Schritt, den die meisten überspringen: der Vorwärtstest. Dieselbe Strategie, aber auf Kursen, die du beim Schreiben der Regeln noch nicht gesehen hast, entweder auf einem Demokonto oder mit sehr kleiner Positionsgröße.
Erst wenn Erwartungswert und Drawdown dort in derselben Größenordnung liegen wie im Backtest, ist das System gedeckt. Weichen sie stark ab, war die Rückrechnung überangepasst.
Fazit
Backtesting ist unspektakuläre Arbeit: hundert Trades von Hand durchspielen, jeden einzeln notieren, am Ende drei Zahlen ausrechnen. Es dauert Tage und beantwortet die einzige Frage, die vor dem ersten echten Euro zählt.
Wie du die Trades sauber erfasst, steht in Das Trading-Tagebuch. Wie du aus den Ergebnissen dein Risiko je Trade ableitest, rechnet Risikomanagement im Trading vor.
Was ist Backtesting?
Das Durchrechnen einer Handelsstrategie auf historischen Kursen nach festen Regeln. Es zeigt, wie das System in der Vergangenheit abgeschnitten hätte, und liefert Erwartungswert, maximalen Drawdown und Anzahl der Trades.
Wie viele Trades braucht ein aussagekräftiger Backtest?
Mindestens 100. Bei 30 Trades ist die Spanne so breit, dass eine beobachtete Trefferquote von 60 Prozent in Wahrheit auch 43 Prozent sein kann.
Brauche ich Software zum Backtesten?
Nein. Die Bar-Replay-Funktion gängiger Chartprogramme reicht für die meisten Strategien. Wichtig ist nur, Kerze für Kerze vorzuspulen und nicht zu springen.
Was ist Überanpassung?
Wenn Parameter so lange verändert werden, bis das Ergebnis im Testzeitraum gut aussieht. Die Strategie passt dann nur auf diesen einen Zeitraum und versagt danach.
Garantiert ein guter Backtest Gewinne?
Nein. Er schließt nur aus, dass die Strategie nie funktioniert hat. Bestätigen muss sie sich anschließend im Vorwärtstest auf unbekannten Kursen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar. Der Handel mit Finanzinstrumenten ist mit erheblichen Risiken verbunden und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.


